12. Februar 2016

Barbie's Makeover

Auch ich bin mit ihr aufgewachsen: Barbie. Ehrlich gesagt fand ich ja meist die Barbie-Pferde interessanter als die Puppen selbst, aber was mir auffiel: Barbie hatte seltsame Proportionen, insbesondere wenn man sie auf ihre Pferde setzen wollte. Es wird immer wieder behauptet, dass Barbie für ein verzerrtes Selbstbild besonders junger Mädchen verantwortlich sei und mit ihrer superdünnen Figur Essstörungen fördere. Ich weiß nicht, in wie weit es hierzu verläßliche Angaben oder gar Studien gibt. Ich persönlich glaube zwar nicht, dass ein Mädchen allein wegen Barbie magersüchtig wird, aber die Puppe trägt sicher dazu bei, das von der Gesellschaft allgemein propagierte Ideal der schlanken Modelfigur zu zementieren, und ist ein weiteres Steinchen in der überwältigenden Botschaft: Nur dünn sein sei schön.
Heute sagen bereits 10jährige, dass ihre größte Angst ist, dick zu werden, und mehr als jedes dritte 12jährige Mädchen hat schon einmal eine Diät gemacht, Tendenz steigend. Auch unter Jungen nimmt dieser "Körperkult" zu. Kein Wunder also, dass Barbie immer wieder unter Beschuß geriet, ich erinnere mich z.B. an lebhafte Proteste in Berlin vor dem damals neu eröffneten "Barbie Dreamhouse", bei denen die Organisation Pinkstinks Dialog suchte und eine Femen-Aktivistin pressewirksam eine Barbie and einem brennenden Kreuz in die Luft hielt. Nunja. Darüber kann man geteilter Meinung sein.

Denkt man jedoch etwa an "Slumber Party Barbie", die in den 1960er Jahren auf den Markt kam, kann von einem gesunden Verhältnis zum Körper kaum die Rede sein, denn diese Puppe hatte eine Waage dabei, die konstant auf etwa 50kg feststand, sowie ein Büchlein mit dem Titel "How to lose weight" ("Wie man Gewicht verliert"), dessen einziger Inhalt eine Seite mit der Inschrift "Don't eat!" ("Nichts essen!") war. Da fragt man sich wirklich, ob das Mattels Ernst sein kann...

slumber party barbie zubehoer
"Slumber Party Barbie's" unmögliches Zubehör

Und auch die "lebende Barbie" Valeria Lukyanova aka "the Human Barbie" ist nicht gerade ein Vorbild, ihre Maße sind so extrem, dass es ernsthafte Zweifel daran gibt, ob das alles mit natürlichen Dingen zugeht. Sie selbst sagt, lediglich Brustimplantate zu haben, der Rest ihrer Figur sei nur das Ergebnis von Sport und Ernährung, aber sie behauptet ja auch, sich ähnlich einer Pflanze nur von Luft und "Lichtnahrung" zu ernähren und Astralreisen zu unternehmen...
Doch sie ist nicht die einzige "lebende Barbie", es gab und gibt zahlreiche andere, die meist mit Hilfe umfangreicher "Schönheits"-OPs ihrem Idol nacheifern, bis hin zum Äquivalent, dem "lebenden Ken". Die Tatsache, dass es ohne plastische Chirurgie dabei praktisch nicht möglich ist, wie Barbie auszusehen, zeigt dabei schon, welch unrealistisches Ideal diese Puppe zeigt. 
Schon in den 1990er Jahren hat das "Yale Center for Eating and Weight Disorders" umfangreiche Berechnungen an Barbie durchgeführt und untersucht, wie realistisch ihr Körper ist. Eine Infografik  (auf englisch) zeigt interessante Ergebnisse, und mit einem Hals, der zweimal so lang aber deutlich dünner als der durchschnittliche weibliche Hals ist, wäre sie nichtmal imstande, ihren Kopf zu tragen. Ihre Taille ist so schmal, dass nur eine halbe Leber und vielleicht ein halber Meter Darm in ihr Platz hätten, und ihre Füsse sind so winzig, dass sie unmöglich aufrecht gehen könnte. 


Barbie in der Krise

Die andauernde Kritik an Barbie trug sicher ihren Teil dazu bei, dass Mattels Verkaufszahlen in den letzten Jahren stetig sanken. Konkurrenz-Puppen stürmten den Markt, allen voran die Bratz-Puppen, und katapultierten Barbie in eine Krise. Bevor sie nun aus ihrem rosa Traumhaus ausziehen und ihr Cabrio verkaufen muss, kam Mattel scheinbar in Zugzwang. Denn auch die Model-Welt ist nicht mehr ganz so einheitlich 90-60-90 (oder in den letzten Jahren eher 80-50-80), und der Ruf nach mehr Diversität wird zunehmend lauter. Das Plus-Size-Model Tess Holiday hat als erste Frau mit einer Kleidergröße über 50 einen Deal mit einer großen Modelagentur bekommen und die Cover bekannter Zeitschriften geziert. In Hollywood gibt es immer mehr deutliche Forderungen nach mehr Vielfalt, wie gerade an den diesjährigen Oscars gesehen werden kann. Bekleidungsgeschäfte zeigen Schaufensterpuppen mit realistischen Maßen. Es tut sich was. Noch lange nicht genug, aber die Steine sind im Rollen. So gesehen ist das Makeover, dem Mattel seine berühmte Puppe nun unterzogen hat, nicht so revolutionär, wie Mattel das gerne verkaufen würde, sondern vielmehr das Ergebnis eines Zugzwangs, den der Hersteller deutlich fühlen musste.

Die neuen Barbiepuppen: Mehr Vielfalt


Und so kamen jetzt vier neue Barbie-Puppen auf den Markt, um dem Verlangen nach mehr Körper-Vielfalt gerecht zu werden, und zur klassischen Barbie gesellen sich die Modelle "curvy", "tall" und "petite" (also "kurvig", "groß" und "zierlich").

die neuen Barbiepuppen
Ein paar der neuen Barbies in "curvy", "tall" und "petite"

Grundsätzlich finde ich, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Besonders für Barbie, die Jahrzehnte in ihren unrealistischen Proportionen daherstöckelte. Und das Beste daran: Die neue Barbie ist auch nicht mehr nur blond und blauäugig, sondern kommt in einer breiten Palette an Haut- und Haarfarben, mit asiatischen, afrikanischen und Latina-Zügen. In Ansätzen gab es das zwar schon vorher, mir scheint aber, diese Vielfalt wurde ausgebaut, um hoffentlich dazu beizutragen, dass "weiß, blond, dünn und groß" nicht mehr das einzige Schönheitsideal bleibt.

Barbie Fashionista
Barbies "Fashionista" Linie


Ich finde allerdings: Barbie ist nicht mutig genug. Noch immer bleiben diese neuen Puppen konform zum Ideal der Sanduhr-Figur. Es gibt weder eine wirklich dicke Barbie, noch etwa eine sportlich-muskulöse. Möchte man eine sportliche Barbie, kann man ihr nur entsprechende Kleider anziehen und sie mit Zubehör wie Tennisschlägern ausstatten. "Curvy Barbie" ist zwar insgesamt rundlicher, aber immernoch recht idealistisch geformt. Ein Stück weit ist verständlich, warum die neuen Barbie-Körper nicht allzu unterschiedlich wurden, denn mit den neuen Körpern kommt auch die Sache mit neuer Kleidung, denn "Curvy Barbie" passt wohl kaum in "Tall Barbies" Garderobe. Und vielleicht war man auch einfach nicht mutig genug bei Mattel, denn ein gewisses Image will man wohl doch nicht ganz aufgeben. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht Barbies letztes Makeover ist.

plus size barbie
So hat sich jemand bei einem Wettbewerb eine "richtige" Plus-Size-Barbie vorgestellt, verglichen mit dem Original. Die runde Puppe ist kein Mattel-Produkt, leider.


Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass Kinder mit Puppen spielen können, die mehr Wirklichkeit abbilden, als ein unerreichbares Ideal. Ein erster Schritt in eine gute Richtung ist mit den neuen Puppen getan, ich finde jedoch: Es ist noch nicht genug. Zwar gibt es sogar eine Puppe im Rollstuhl, aber auch hier wurde ein bißchen zurückgerudert: Diese Puppe ist nicht Barbie, sondern "Becky", Barbie's Freundin, zudem derzeit nur noch als Sammlerobjekt zu finden. Aber immerhin auch als "Paralympic Champion"!


      

Barbie ist ein Ideal. Für Kinder (und durchaus auch für Erwachsene) ist es aber wichtig, zumindest ein wenig von sich selbst in Idealen wieder finden zu können. Wir brauchen und wollen positive Rollenmodelle, denen wir nacheifern können. Was ich Barbie zugestehe ist, dass sie "beruflich" oft ziemlich progressiv war, das soll durchaus gelobt werden. Es gab Barbie nicht nur als Luxusweibchen und Prinzessin, sondern auch als Ärztin, Pilotin, Karrierefrau, Fußball- und Basketballspielerin und sie flog sogar zweimal als Astronautin ins All. Und wer ein wenig über Ballett weiß, dem ist auch klar, dass Ballerina-Barbie ganz schön "bad ass" sein kann. Sie deswegen aber als "feministisches Idol" zu feiern, geht doch ein wenig weit, auch wenn Mattel auch das versucht hat, um kritischen Stimmen Herr zu werden.

In Marktforschungs-Versuchen sollen jedenfalls Kinder besonders gern mit der "curvy" Barbie gespielt haben. Vielleicht nimmt Mattel das zum Anlass, beim nächsten Mal seine Barbie noch ein wenig runder werden zu lassen, und das hoffentlich ohne dass eine Horde "concern trolls" rumjammert, dies würde "Übergewicht glorifizieren". Körper kommen in allen Formen, Größen und Farben. Das ist auch gut so. Und sie sind alle schön.

Herzlichst,
Klara

Kommentare:

  1. Magersucht und Übergewicht, Probleme, die wir nur haben können, weil es uns so gut geht....
    Deinen Artikel habe ich gerne gelesen. Sehr schön recherchiert, sehr informativ geschrieben!
    Danke
    Herzlichst
    yase

    AntwortenLöschen
  2. Sehr interessant dein Artikel. Toll! Bzgl. Tennisschuhe: Habe neulich meine gefunden :D

    AntwortenLöschen