30. November 2012

Leben und lernen...

Ein kontroverses Thema, nicht nur unter "handmade"-Machern... wie ist das mit Autodidakten und fundierter Ausbildung?

Gerade der Handmade-Bereich verleitet natürlich dazu, dass viele "Hobby-BastlerInnen" ihre selbstgemachten Werke ausstellen und zum Verkauf anbieten, und es wird ganz sicher schon jedem mal passiert sein, der sich auf Verkaufsplattformen wie Dawanda oder Etsy bewegt, dass man sich im Stillen denkt: "Oh mein Gott, ist das scheußlich! Wie kann man das anbieten? (Und wieso kauft das sogar noch wer???)" Hand aufs Herz!

Andererseits macht in so manchem Fall auch der Charme des hobbyhaft Selbstgemachten den Reiz der Sache aus, weil es schlicht einzigartig ist. Sonst könnte man ja auch zu Nanu Nana oder Bijou Brigitte gehen...

Sehr viele Anbieter und Shop-InhaberInnen haben ihr Handwerk aber auch von der Pike auf gelernt, und wenn ich mir ein Kleid von einer Maßschneiderin anfertigen lasse, die einen Schnitt extra nur für mich nach meinen Maßen macht, das Material sorgfältig auswählt und für mich ein passgenaues Kleid näht, hat das seinen Preis - den ist es aber unbedingt wert.

An anderer Stelle hier habe ich mir schon viele Gedanken über den angemessenen Preis gemacht, und ja, es ist ärgerlich, wenn man viel Sorgfalt, Zeit und Können in etwas legt - und anderswo bietet jemand etwas Ähnliches zu einem Bruchteil des Preises an. Und ich denke, viele können auch ein Liedchen davon singen, wenn sie mal wieder von einem (potentiellen) Kunden angemault werden. "Das ist aber teuer! Bei [...] bekomm ich das fürn paar Euro!"

Eine gute Ausbildung ist zeitintensiv und kostet viel, und meistens verdient man in der Ausbildung nur einen Bruchteil dessen, was man in der selben Zeit irgendwo als Fließbandarbeiter oder an der Aldikasse verdienen könnte. Dass man anschließend auch die Früchte seiner Mühen ernten möchte, weil man dafür auch einiges bietet, ist nur logisch. Und mal ehrlich: Für eine Autoreparatur zahlt man doch ebenso den fälligen Preis, und auch der Klempner, der am Sonntag nachmittag den Rohrbruch repariert, hat seinen Preis. Warum muss sich aber eine Maßschneiderin rechtfertigen, weil sie keine H&M-Preise hat?

Aber wie ist das nun mit den Autodidakten? Ist die Arbeit eines "Gelernten" grundsätzlich höher zu bewerten? Kann man automatisch mehr, wenn an einen Gesellenbrief hat?
Ich bin der Meinung: Nein.

Ich bin Autodidaktin. Irgendwie schon immer gewesen. Wenn mich etwas interessiert, vertiefe ich selbständig mein Wissen und lerne dadurch oft allein mehr, als in einem Kurs oder Seminar. Ich habe eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, die ich grundsätzlich nicht bereue, auch wenn ich heute rückblickend etwas anderes machen würde. Aber in meiner ersten Orientierungslosigkeit nach dem Abitur schien es eine gute Entscheidung. Dann habe ich einige Jahre an der Universität studiert,  Germanistik und Kunstgeschichte, dazu ein Grundstudium in Publizistik. Aus vielerlei Gründen habe ich dieses Studium kurz vor dem Abschluß abgebrochen, um mich dem zu widmen, was ich jetzt mache. Trotzdem habe ich viel Zeit und Energie in meine Studien gesteckt und unheimlich viel gelernt, das mir heute nützlich ist - vor allem, WIE man lernt. Ich habe gelernt, zu recherchieren, ein großes Lesepensum zu bewältigen, nützliche von unnützen Informationen zu unterscheiden, kritisch zu lesen und zu studieren. All das kommt mir jetzt zu Gute.

Denn: Autodidakt sein heißt nicht: "Oh, das kann ich auch, ich setz mich jetzt mal hin und stoppel was zusammen." Autodidakt sein heißt, lernen, lernen, lernen, lesen, recherchieren, üben, entwickeln, machen und nochmal lernen. Es heißt, sich selbst viel Wissen anzueignen. Es heißt, bei Bedarf auch die richtigen Leute zu fragen, die einem weiterhelfen können. Es heißt, sich mit einem Berg Fachliteratur auseinandersetzen. Und zwischendurch auch mal zu verzweifeln.... :)

Bei Wikipedia heißt es z.B.: Ein Autodidakt (altgr. αὐτός autos, selbst‘ und διδάσκειν didaskein, lehren‘) ist jemand, der sich autodidaktisch (d. h. im Selbststudium) eine Bildung auf hohem Niveau aneignet. Anders als der Dilettant, der sein Wissen zwar autodidaktisch erworben haben kann, dies jedoch nur auf niedrigem Niveau, strebt der Autodidakt in der Regel eine professionelle Anwendung seines Wissens an und mitunter auch die gesellschaftliche Anerkennung.

Gleichzeitig muss allerdings nicht jeder Autodidakt Erfolg haben, und nicht alles ist von Anfang an perfekt, das trifft aber auch auf Menschen mit Ausbildung zu. Eine Ausbildung muss nicht automatisch bedeuten, dass derjenige dann auch wirklich richtig was kann. Denn auch zu einer Ausbildung gehört meiner Meinung nach sehr viel Engagement - und autodidaktisches Lernen, das über den Lehrplan hinausgeht.

Ich möchte hier aber wirklich einmal eine Lanze für all die Autodidakten und Autodidaktinnen brechen, die Herzblut und Engagement in ihre Selbstbildung stecken - egal, in welchem Bereich. Weil ich selbst und einige Menschen in meiner Umgebung immer wieder gegen die Wand laufen: "Aber du hast ja keine Ausbildung in dem Bereich!" (Sprich: Du hast keinen Zettel, auf dem "offiziell" steht, dass du qualifiziert bist.)

Wusstet ihr, dass es eine ellenlange Liste berühmter Autodidakten in allen Bereichen gibt, deren Können wohl niemand anzweifeln würde? Hier nur ein paar Beispiele:

Albert Einstein (Physiker)
Jean-Jacques Rousseau (Philosoph und Schriftsteller)
Johann Wolfgang Goethe (Schriftsteller)
Jimi Hendrix (Musiker)
Abraham Lincoln (Politiker, 16. Präsident der USA)
Vincent van Gogh (Maler)
Elvis Presley (Musiker)
Jacob und Wilhelm Grimm (Sprachwissenschaftler, eigentlich ausgebildete Juristen)
Theodor Storm (Dichter)
Charlie Parker (Musiker)
Gottfried Wilhelm Leibniz (Philosoph und Mathematiker)
Geord Philip Telemann (Komponist)
Wassily Kandinski (Maler und Kunsttheoretiker)
Pier Paolo Pasolini (Filmregisseur, Theoretiker und Dichter)
Richard Buckminster Fuller (Architekt und Erfinder)
Le Corbusier (Architekt)
Jean-Luc Godard (Filmemacher, Kritiker und Theoretiker)
Jean-Francois Champollion (Entzifferer der Hieroglyphen)
Francis Bacon (Maler)
Paul Cezanne (Maler, wegweisend für die Moderne)
Spinoza (Philosoph)
Yves Klein (Maler, Bildhauer, Performancekünstler)
Astrid Lindgren (Kinderbuchautorin)
Frida Kahlo (Malerin)
Ornette Coleman ("Erfinder" des Free Jazz)
Fjodor Dostojewski (Schriftsteller)
Fjodor Iwanowitsch Schaljapin (Opernsänger)
Francois Truffaut (Filmemacher und Kritiker)
Marcel Reich-Ranicki (Kritiker und Schriftsteller)
Jim Morrison (Musiker und Dichter)
Gottfried Keller (Dicher und Schriftsteller)

... die Liste ließe sich noch (fast) endlos fortführen... eine Liste, die Mut machen soll. Die zeigen soll, dass man erreichen kann, was man erreichen will. Die zeigen soll, dass man auch mit einem schrägen Lebenslauf viel schaffen kann. Wenn man bereit ist, viel dafür zu tun.

Herzlichst,
Klara

Kommentare:

  1. Ich stimme Dir zu- nur den Selbstlerner vom Dilletanten zu unterscheiden fällt manchmal schwer ;-)
    Herzlichst
    Herzliebchen

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    1. Das ist wohl wahr... und auch der beste Autodidakt mag in einem anderen Bereich ein Dilettant sein... ich finde vor allem, man kann nicht verallgemeinern, und sollte die Fähigkeiten jedes Einzelnen sehen, anstatt nur auf eine Bescheinigung zu schauen.

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