24. August 2012

Mommie Dearest...

Gut, ich sage es besser gleich vorneweg: Ich mag Joan Crawford nicht. Ich mochte sie noch nie. Deswegen hat es mich nicht verwundert, dass ihre Adoptivtochter Christina nach ihrem Tod schwere Vorwürfe gegen ihre "Mommie Dearest" erhoben hat. Mich wundert auch nicht, dass ich die Existenz dieses Berichtes erst jetzt entdeckt habe, denn Joan Crawford hat mich nie besonders interessiert. Der einzige Film, den ich mit ihr mag, ist "Whatever happened to Baby Jane?", und dieser ist für mich vor allem ein Bette Davis-Film. Und über Bette Davis bin ich irgendwie zu "Mommie, dearest" gekommen.

Christina und Joan Crawford


"Mommie Dearest" ist die kommerziell sehr erfolgreiche Autobiographie von Joan Crawfords ältester Adoptivtochter Christina, die in ihrem Buch ausführlich von den seelischen und körperlichen Mißhandlungen durch ihre Mutter Joan erzählt. Insbesondere seelische Grausamkeiten waren im Leben der vier Adoptivkinder offenbar an der Tagesordnung, und später gingen einige sogar so weit, anhand dieser Memoiren an Joan Crawford posthum eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren. Christina wird von klein auf mit sehr kruden Mitteln auf Disziplin und Erfolg getrimmt. Publicity ist alles, natürlich Joans Publicity. Christina wird von morgens bis abends kritisiert, gedemütigt, getriezt. Trotz offensichtlichem Ekel will ihre Mutter sie zwingen, ein rohes Steak zu essen. Joans Alkoholismus und ihre beständig wechselnden Affären verstören die Kinder zutiefst. Und besonders spektakulär ist die "wire hanger scene": Mitten in der Nacht kontrolliert Joan das Zimmer ihrer Kinder (im Film übrigens von vier auf zwei reduziert), und entdeckt, dass in Christinas riesigem Kleiderschrank ein Kleidchen auf einem Draht-Kleiderbügel hängt. Joan bekommt einen hysterischen Wutanfall, verwüstet das Zimmer der völlig verängstigten Kinder, drischt schließlich mit dem Kleiderbügel auf Christina ein. Anschließend schleppt sie das Kind ins angrenzende Badezimmer, wirft Christina vor, sie habe es nicht genügend geputzt (obgleich alles blitzt), verstreut Scheuerpulver, schlägt noch einmal mit der Putzmitteldose auf Christina ein und verläßt endlich angewidert das Zimmer der Kinder, nicht ohne Christina aufzutragen: "Now clean this mess up!"

No wire hangers!


Aber auch als Christina älter wird, hören die Schikanen nicht etwa auf. Wegen einer harmlosen Knutscherei mit einem Jungen in ihrem Internat wird Christina zur Strafe von ihrer Mutter in eine überaus strenge Klosterschule gesteckt und dort von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Als sich Christina einmal gegen die ständigen Vorwürfe zur Wehr setzen will, rastet Joan komplett aus und würgt ihre Tochter beinahe zu Tode. Aber nicht einmal nach Joans Tod in den 70er Jahren kehrt Frieden ein: Als Abschiedsgruß hat sie ihre Adoptivkinder allesamt enterbt.

Immer perfekt für die Öffentlichkeit: Faye Dunaway als Joan und Mara Hobel als Christina


Ich habe das Buch erst angefangen, wenngleich es in meinem Stapel als nächstes zu lesender Bücher ganz oben liegt. Aber ich habe mir gestern die Verfilmung aus dem Jahr 1981 angesehen, und meine Gefühle sind äußerst gemischt...

Das Kind mag kein rohes Steak


Faye Dunaway spielt Joan Crawford, und das mit so vollem Einsatz, dass sogar ihr "Filmkind" echte Angst vor ihr gehabt haben soll. "Variety" schrieb: "Dunaway does not chew scenery. Dunaway starts neatly at each corner of the set in every scene and swallows it whole, costars and all."
Die Ähnlichkeit zur älteren Joan ist bisweilen auch verblüffend, da haben die Maskenbildner beste Arbeit geleistet. Der Film selbst hinterläßt aber einen äußerst fahlen Geschmack.

Faye Dunaway als Joan


Es liegt eigentlich nicht an Faye Dunaway, ihr Schauspiel finde ich meistens hervorragend, stets am Rande der Hysterie und bisweilen bis ins Groteske überzogen. Sie beherrscht jede Szene - und so, stelle ich mir vor, war Joan Crawford tatsächlich. Laut, überheblich, arrogant und bis in die Haarspitzen von sich überzeugt, dabei krankhaft perfektionistisch und von einer gestörten Disziplin besessen.

Diana Scarwid als Christina


Aber Christina?! Schon Mara Hobel, die das Kind Christina spielt, ging mir permanent auf die Nerven. Ihr Spiel wirkt künstlich und bisweilen viel zu erwachsen für ein Kind in diesem Alter. Dass sie meistens auch noch völlig fürchterlich zurecht gemacht ist, dafür kann sie wohl wenig, macht es aber zusätzlich schwierig, diesen Charakter zu "mögen". Diana Scarwid als heranwachsende Christina ist leider auch nicht besser. Farblos, stimmlos und mit nur einem Gesichtsausdruck ausgestattet, hinterlässt sie ein Bild von Christina Crawford, das fern von schmeichelhaft ist. Kein Wunder, dass die "echte" Christina den Film gehasst hat...

Diana Scarwid


An Christina Crawfords Glaubwürdigkeit ist immer wieder gezweifelt worden. Besonders Myrna Loy, die seit 1925 mit Joan Crawford eng befreundet war, sagte, sie habe nie mitbekommen, dass Joan Crawford ihre Kinder jemals mißhandelt habe, weder seelisch noch körperlich, während andere zugeben, dass sie öfter Zeuge von Mißhandlungen der Kinder wurden. Die Frage ist, wem man glaubt, ich neige aber doch sehr dazu, Christina zu glauben, trotz der guten "Erinnerungen" von Myrna Loy an ihre Freundin. Denn: Nicht jeder empfindet eine grausame Behandlung eines Kindes tatsächlich als Mißbrauch. Insbesondere zu früheren Zeiten war die Ansicht noch sehr viel weiter verbreitet als heute, dass Kinder streng und mit harter Hand und viel Disziplin erzogen gehören - inklusive körperlicher Züchtigung. Es würde mich also keinesfalls wundern, wenn viele Menschen den Umgang von Joan Crawford mit ihren Kindern nicht als Mißbrauch empfinden würden, da sie ähnliche "Erziehungsideale" haben.


Auch wurde Christina vorgeworfen, dass sie ihr Buch erst nach Joan Crawfords Tod veröffentlicht habe, damit sich die Filmdiva nicht mehr gegen die Vorwürfe wehren könne. Auch das finde ich kein Argument gegen Christinas Glaubwürdigkeit. Kinder und Adotivkinder befinden sich in einer Abhängigkeit von ihren Eltern, selbst oder auch gerade wenn diese sie mißhandeln, und ich kann mir gut vorstellen, dass Christina erst nach dem Tod ihrer dominanten Adoptivmutter überhaupt den Mut hatte, die Wahrheit zu erzählen. Ein Motiv für das Buch mag die Verärgerung darüber gewesen sein, dass Joan ihre Kinder enterbt hat, zumindest wird das am Ende des Films angedeutet. Aber das bedeutet nicht, dass alle Vorwürfe erfunden sind.

Dennoch ist "Mommie Dearest" natürlich aus Christinas Sicht erzählt und von ihrem Erleben geprägt - das darf es aber auch sein. Ich bin gespannt auf das Buch und den "O-Ton" Christinas, denn auch wenn der Film mit über 2 Stunden das Leben des Hollywoodstars durchaus ausfächert, reicht es dennoch nicht, die komplexe Thematik zufriedenstellend zu erzählen - und der Film scheint an manchen Stellen zu sehr gerafft.



Verwunderlich finde ich auch nicht, dass "Mommie Dearest" schnell zu einer "Komödie wider Willen" wurde, und bei manchen Aufführungen sollen die Besucher sogar mit Ajax und Drahtkleiderbügeln bewaffnet erschienen sein, um dem Film "interaktiv" zu erleben - ähnlich wie bei der legendären "Rocky Horror Picture Show". Wirklich gelungen finde ich den Film jedenfalls nicht. Kann man sich anschauen, muss man aber nicht. Dann doch lieber "Whatever happened to Baby Jane?" Und wie sagte da Bette Davis? "The best time I ever had with Joan Crawford was when I pushed her down the stairs in Whatever happened to Baby Jane..."

Bette Davis und Joan Crawford

Kennt jemand Film und/oder Buch? Wie ist eure Meiung dazu?

Herzlichst,
Klara

Kommentare:

  1. Liebe Klara,
    leider kenne ich den Film nicht, aber Dein Post hat mich so nezgierig gemacht, dass ich mir zuerst das Buch besorgen werde und dann den Film schaue. Ich werde auf jeden Fall berichten!!
    Du hast einen zauberhaften Blog!
    LG Silvia

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    1. Vielen lieben Dank! Ich habs immer noch nicht geschafft, das Buch zu lesen, es sind einfach wieder ein paar andere dazwischen gekommen... ich bin aber auf andere Meinungen sehr gespannt!
      Herzliche Grüße!

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