13. August 2012

Anna und ich...


Eine Heldin meiner Kindheit ist tot. Silvia Seidel hat sich im Alter von nur 42 Jahren vor wenigen Tagen, am 06. August 2012, das Leben genommen. 



Diese Nachricht macht mich unerwartet traurig. Still war es geworden um die Schauspielerin, die als junges Mädchen so viele Menschen begeistert hat. Sie spielte Nebenrollen in verschiedenen TV-Serien, aber vor allem war das Boulevardtheater ihre Heimat. Ich habe immer mal wieder geschaut, was Silvia Seidel so macht. Im letzten Artikel, den ich gelesen hatte, das dürfte schon mehr als ein Jahr her sein, klagte die Schauspielerin über Geldsorgen und wenige Engagements – ein Schicksal, das sie mit dem Großteil der Schauspielkollegen teilen dürfte. Denn Rollen sind rar, überall wird gespart – und statt teurer Spezialeffekte verzichtet man lieber auf Schauspielergagen. Einige berichten, Angebote sehen für einen freien Mimen bisweilen so aus: „Ich würd mich freuen, wenn Du in meinem Film mitspielst. Zahlen können wir nicht viel (oder gar nichts), die Spesen können wir leider nicht übernehmen, aber du hast ja dann immerhin die Referenz, nicht wahr?“ Dass auch Freiberufler und Selbständige Rechnungen zahlen müssen, scheint nicht zu interessieren. 



Trotzdem macht die Regenbogen- und Boulevardpresse aus Silvia Seidels Problemen und Geldsorgen eine große Affaire. Gescheitert soll sie sein, abgestürzt, ihre Miete kann sie nicht mehr zahlen. Dabei war sie doch mal so talentiert und so beliebt… Gewiß, an den Ellbogen soll es ihr gemangelt haben, wissen Kollegen zu erzählen, und die braucht man heute überall. Traurig finde ich das. Catherine Deneuve hat in „Begierde“ („The Hunger“, 1983) gesagt: „Mit Freundlichkeit erreicht man mehr.“ Heute gilt das nirgendwo mehr. 



Als sich Silvia Seidels Mutter vor 20 Jahren das Leben genommen hat, hatte die Boulevardpresse gleich eine schöne Rolle für die junge Frau parat: Die Tochter sonnt sich im Erfolg und im Scheinwerferlicht, und ihre arme Mutter sitzt zuhaus und ist verzweifelt, so verzweifelt, dass sie sich schließlich umbringt. Wegen der bösen Tochter. Gewiß, ich war nicht dabei, aber ich bin sicher: Nichts davon ist wahr. Auch Silvia Seidel hat das immer wieder gesagt, zugehört hat ihr keiner. Da liest man lieber Bild-Zeitung und fühlt sich total informiert und – gebildet. 



Aber auch wenn Silvia Seidel ihre einstige Paraderolle später gehasst hat: Als Ballettschülerin „Anna“ werde ich sie besonders in Erinnerung behalten. Weil sie damals eine Heldin für mich war. Dabei hatte ich die Weihnachtsserie zuerst gar nicht verfolgt, hatte erst durch den Hype, der damals entstand, von „Anna“ erfahren. Ich sah die Serie in einer Wiederholung, ich verschlang die Bücher und war verzaubert von der Geschichte um das junge Mädchen, das nach einem schweren Unfall gelähmt war, sich aufgab – und durch den jungen querschnittgelähmten Rainer ihren Lebensmut wieder findet. 

Silvia Seidel mit Patrick Bach als Rainer in "Anna"

 Sie lernt wieder gehen – und tanzen. Auf einer Schule, die besonders künstlerische Talente der Schüler fördern soll, erkämpft sie sich einen Platz in der Ballettklasse, die der Tanzstudent Jakob leitet. Sie brilliert in der Schulaufführung des Balletts „Aschenputtel“ und macht Jakobs Lehrerin auf sich aufmerksam. 

Anna als Cinderella

Und sie schafft es, schafft die Aufnahmeprüfung in die Ballettklasse der ehemals weltberühmten Prima Ballerina Irina Kralowa. Das Training ist hart, aber Anna beißt sich durch. Sie ist kess und hat manchmal auch eine große Klappe – was ich als wirklich sehr schüchternes kleines Mädchen bewundere. Hätte ich nur auch solchen Biss. Dann hätte ich mich vielleicht auch bei meinen Eltern durchsetzen können. Denn natürlich wollte ich nach „Annas“ Vorbild auch tanzen lernen, Ballettstunden. Das vernichtende Urteil meines Vaters: „Aber fürs Ballett muss man doch dünn sein, das kannst Du nicht.“ Es tut sehr weh, wenn man als Kind gesagt bekommt „Du bist zu fett fürs Ballett“… Aber „Anna“ hat mir trotzdem ein bißchen Mut gemacht. 

Anna und die strenge Tanzlehrerin Irina Kralowa

Anna und ihre Lehrerinnen Irina Kralowa und Valentine D'Arbanville in Paris
 
Dann kam auch noch Dirty Dancing und Tanz bekam noch ein Gesicht. Und ich übte zuhause weiter, mit einer Kassette meiner Mama, mit einer alten Aufnahme von „Schwanensee“. In der Serie brilliert „Anna“ am Ende als einer der vier kleinen Schwäne. Ihre todkranke Lehrerin verfolgt hinter der Bühne den Auftritt ihrer geliebten Schülerin – und stirbt, still, leise.
In der kleinen Stadtbücherei lieh ich mir mehrere Male ein Ballettbuch für Kinder aus, übte die Grundpositionen, hüpfte, versuchte Spagat, die Geländerstange im Flur war meine Ballettstange. Ich „tanzte“ Mambo und träumte von Patrick Swayze. Auch er ist schon gestorben, an Krebs. So gehen die Helden der Kindheit. 

"Anna" in ihrem eigenen Kinofilm


Silvia Seidel soll zuletzt Alkoholprobleme gehabt haben, die Wirtin ihrer Stammkneipe war ihre einzige Vertraute. Sie war es auch, die Silvia als vermisst gemeldet hatte, nachdem sie mehrere Tage nicht erschienen war. Und weitere Details aus ihrem Leben werden breitgetreten, über den dominanten Vater, der die Gagen der Tochter verprasste und sie unter seiner Fuchtel hielt. Über die vorangegangenen Selbstmordversuche von Silvia Seidel seit Herbst letzten Jahres. Darüber, dass sie an Weihnachten einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat. Ihr Partner hatte sie verlassen, angeblich, weil er mit ihren Depressionen nicht umgehen konnte. Bitter, irgendwie.
Doch ist das ein „Absturz“, wie die „Freizeit Revue“ angeblich schrieb? Ich finde, nein. Silvia Seidel hat sich behauptet, hat geschauspielert, konnte sich ihre Rollen am Theater oft sogar aussuchen. Und die psychischen Probleme? Noch immer wird das gern von der Regenbogenpresse ausgeschlachtet. Aber wieso verstehen noch immer viele Menschen nicht: Wenn man sich ein Bein bricht, kommt man ins Krankenhaus. Wenn die Seele krank ist, eben in eine psychiatrische Klinik. Hätte ich die Wahl zwischen einem Oberschenkelhalsbruch und Depressionen, ich würde den Bruch nehmen, an beiden Beinen. 



Zuletzt war für Silvia keiner da. Keiner der Kollegen, weder von früher noch von heute. Jeder klagt heute darüber, was für ein lieber Mensch Silvia doch war, wie beliebt und begabt. Und sie war doch immer so fröhlich gewesen. Ja, besonders depressive Menschen wirken auf ihr Umfeld oft sehr fröhlich und ausgelassen. Ich weiß das. Trotzdem gibt es Anzeichen, die nahestehende Menschen sehen und erkennen können. 

Mich hat der einsame Tod von Silvia Seidel sehr traurig gemacht. Und mir so manche Kindheitsillusion geraubt. Trotzdem erinnere ich mich noch immer gerne an Silvia und Anna zurück. Ich habe mir vor einiger Zeit sogar wieder die Bücher besorgt, die ich als Kind so geliebt habe. Und ich schaue mir „Anna“ immer mal wieder an, weil ich so schöne Erinnerungen damit verbinde. Mit Kindsein, mit Mut, mit Begeisterung. Silvia Seidel hatte all das nicht mehr. Ich hätte ihr gerne etwas abgegeben von dem bißchen, das ich noch habe. 

  


Herzlichst,
Klara


Bei "Beckmann" 2004 spricht Silvia Seidel offen über ihre Rolle, über ihr Leben nach "Anna" und die Schattenseiten des Erfolgs.

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