5. Juli 2012

Billigfriseur und Lohndumping

Ich schaue seit Ewigkeiten mal wieder Stern TV... eigentlich nur, um den Beitrag eines Freundes zu sehen - aber das Titelthema hat mich dann doch auch interessiert. Sehr sogar. Und dieser "Exkurs" hat durchaus auch mit meinem aktuellen Thema Preisgestaltung und Preisentwicklung zu tun...



Vor gut 10 Jahren habe ich eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, eigentlich nur, weil ich Maskenbild machen wollte, nur hat das dann nicht geklappt. Ich hatte, nach anfänglich sehr durchwachsenen Erfahrungen, das Glück, den größten Teil meiner Ausbildung bei einem sehr tollen und sehr kleinen Friseurbetrieb machen zu können: Meine Chefin, mein Chef und ich. 30 qm Ladenfläche, ein Waschbecken, drei Bedienplätze. Wunderbar familiär, entspannt, nett. Ich denke noch immer gerne an diese Zeit zurück.
Kunden kamen in der Regel nur mit Termin, die meisten waren Stammkunden, und wir nahmen uns für jeden viel Zeit. Männer in der Regel 30 Minuten, Frauen 1 Stunde für waschen, schneiden, föhnen. Dazu Getränke, Beratung, und wenn Zeit war auch gerne eine Kopfmassage - ohne Aufpreis. Natürlich hatte dieser umfassende Service auch einen Preis. Ein Männerhaarschnitt kostete im Durchschnitt 35 €, ein Damenhaarschnitt 50 €. Der Terminkalender war fast immer voll.



Es geht aber auch anders. Schon vor der Ausbildung habe ich eine Erfahrung mit einer allseits bekannten Friseurkette gemacht. Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz habe ich bei Klier Probe gearbeitet - 2 Stunden lang. Eigentlich sollte ich den ganzen Tag bleiben. Ich war kaum im Laden, als ich angeschnauzt wurde, weil ich nicht ganz in weiß da war, sondern mir erlaubt habe, eine dunkle Hose zu tragen, was (Skandal!) nur der Filialleiterin vorbehalten ist. Die Kunden wurden in Masse abgefertigt, schon am Vormittag, als noch nicht sooo viel los war. Als ich mich im Pausenraum umgesehen hatte, war mir schon klar, dass ich hier NICHT arbeiten werde. Überall hingen Plakate, auf denen die Mitarbeiter angeben mussten, wie ihre Ziele für den kommenden Monat aussehen. Und alles, was ich las, war: Ich will mehr Umsatz machen, ich muss den Umsatz steigern. Es hingen öffentliche Listen mit vollem Namen aller Mitarbeiter und genauen Zahlen, wieviel Umsatz der- oder diejenige zuletzt gemacht hatte, aus. Hitlisten.
Arbeitsklima? Äußerst frostig. Ich hatte das Gefühl, keiner der Anwesenden ist gerade gerne hier. Um mich gekümmert hat sich eh keiner. Macht ja auch keinen Umsatz. Nach zwei Stunden habe ich zur Filialleiterin gesagt, dass ich jetzt gehen werde. Nie wieder Klier.



Mittlerweile ist es noch schlimmer. Als ich anfing, in Berlin zu studieren, fiel es mir zuerst auf: Haarschnitt 11€, 10€, irgendwann sogar 9€ und 8€. Wie bitte soll das gehen? Irgendwann habe ich mich auch mit meiner ehemaligen Chefin darüber unterhalten, und sie war schockiert. Wenn man sich für 10€ für einen Kunden auch nur eine halbe Stunde Zeit nimmt, sind noch nichtmal die eigenen Kosten wieder drin. Wie machen die das?



Irgendwann habe ich das Experiment einmal gewagt. Ich kam bei einem Friseur mit dem "Alles 9€-Konzept" vorbei, natürlich ohne Voranmeldung, und hatte genau jetzt Lust, mir die Haare schneiden zu lassen. Ich betrat den Laden - und wurde direkt zum Waschbecken gebeten. "Moment mal," fragte ich, "wollen Sie nicht erstmal wissen, wie ich überhaupt die Haare geschnitten haben möchte?" - "Achso. Na dann kommen Sie mal." Ich habe Naturlocken, und da ist es besonders wichtig, die Haare zuerst im trockenen Zustand zu beurteilen. Trotz meiner Bitte aber: Beratung gleich null, ich hatte das Gefühl, die Friseurin hört mir gar nicht zu, letztlich hat sie sowieso etwas ganz anderes gemacht, als das, was ich wollte - und ich war zwei Wochen später nochmal bei einem "richtigen" Friseur. Der Haarschnitt hat mich dann "zwar" rund 30 Euro gekostet, aber ich habe mich gut beraten gefühlt, ich habe einen Tee bekommen, ich habe mich im Salon willkommen und sehr wohl gefühlt, und die Friseurin hat sich eine Stunde Zeit für mich genommen. Und der Haarschnitt war perfekt!

In Berlin auf jeden Fall zu empfehlen: Die Lockenbude! Nette Friseurinnen, schnuckliger Laden, perfekter Service.


Billigfriseure sind aber nicht nur deshalb so billig, weil sie auf Beratung verzichten, keinerlei Service bieten (ich habe noch nichtmal ein Glas Wasser bekommen), und einem in maximal 20 Minuten einen 08/15-Haarschnitt verpassen. Dazu auch keine hochwertigen Pflege- und Stylingprodukte. Der von mir "getestete" Billigfriseur hatte No-Name-Produkte in der Extra-Großpackung - und so wars auch bei Klier.



Diese Friseurketten bieten ihre Dumpingpreise vor allem auf Kosten ihrer Mitarbeiter. Löhne, von denen keiner leben kann, so dass viele trotz 40-Stunden-Woche eine Aufstockung per Hartz-IV beantragen müssen. Überstunden werden häufig nicht bezahlt, teilweise noch nichtmal die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Am extremsten im SternTV-Beitrag war ein Fall bei Klier: Für 511€/Monat bei einer 40-Std-Woche (!!!) sollte eine Friseurgesellin arbeiten - soviel habe ich vor 10 Jahren schon im dritten Lehrjahr verdient. Die Begründung von Klier war ein 17 Jahre alter Tarifvertrag für Thüringen, der leider nie erneuert worden ist, und auf den sich die Kette daher noch heute beruft. Trotzdem werben sie in Stellenausschreibungen mit "übertariflicher Bezahlung"...
Als die Friseurin wegen des Dumpinglohnes, der einem Stundenlohn von unter 3 € entspricht, wieder gekündigt hatte, wurde ihr auch das Arbeitslosengeld gesperrt. Die Klage deswegen geht jetzt in die zweite Runde.

Besonders krass fand ich allerdings: In sehr vielen Arbeitsverträgen wird festgelegt, dass man jeden Tag einen Mindestumsatz erreichen muss. Schafft man das nicht, ist das ein Kündigungsgrund. Die Folge: Jeder arbeitet unter einem enormen Druck, den geforderten Umsatz zu schaffen, weil sonst der Job in Gefahr ist. Wer schon einmal mit Quoten- oder Umsatzvorgaben gearbeitet hat, weiß, wie übel das sein kann... und auch die Listen, die ich damals schon bei Klier bemerkt habe, sind üblich. Öffentlich wird für jeden sichtbar der Umsatz aufgelistet, den jeder Mitarbeiter/jede Mitarbeiterin gemacht hat. Man steht permanent im Wettstreit mit den Kollegen - auch das ist sicher sehr förderlich für das Betriebsklima... Ein Friseurmeister in dem TV-Beitrag erzählt: Die, die auf der Liste ganz unten standen, wurden gegangen - und waren meist im nächsten Monat schon nicht mehr da.



Für mich ist ein Friseurbesuch etwas besonderes, etwas, wo es um mich geht, darum, dass ich mich wohlfühle - währenddessen und natürlich auch hinterher. Dieser Service muss aber einen Preis haben.

Heutzutage trifft uns alle die "Billig-Billig-Mentalität" immer mehr. Niemand will mehr einen angemessenen Preis bezahlen - aber keiner macht sich Gedanken, wie diese Preise zustande kommen. Irgendjemand muss dafür bezahlen - und es sollte klar sein, dass es in aller Regel nicht die Firmen sind, die auf einen Teil ihres Gewinns verzichten.



In diesem Falle gilt: Wer als Kunde zum Billigfriseur geht - egal ob Klier, C+M, X-Cut und wie sie alle heißen - unterstützt damit die miesen Arbeitsbedingungen bei noch mieserer Bezahlung der Friseure. Der unterstützt Lohndumping und die teilweise schon illegalen Arbeitsverträge. Schlechtes Arbeitsklima. Durch die Unterbezahlung letzten Endes immer weniger Geld fürs soziale System - und Altersarmut. Und eigentlich, so ver.di, kostet der Haarschnitt dann doch wieder mehr als 10 Euro. Denn die unterbezahlte Friseurin muss zusätzlich eine Hilfe über Hartz-IV beantragen, um überhaupt über die Runden zu kommen - finanziert von der Allgemeinheit. Arm trotz Arbeit.

Ver.di strebt schon seit langem deutschlandweit eines Mindestlohn an - es wäre allerhöchste Zeit!



Und wofür? Für einen mittelmäßigen Haarschnitt ohne Wohlfühlfaktor. Denn, so haben alle befragten Friseure in dem Beitrag gesagt (und eigentlich ist es auch logisch): Wenn man für einen Kunden gerade mal 10 Minuten Zeit hat, kann der Schnitt gar nicht perfekt sein. Und zum Dumpiglohn kommt dann auch noch die Unzufriedenheit über die eigene Arbeit...

Ich muss dringend auch mal wieder zum Friseur. Aber zu einem "richtigen". Und der Haarschnitt wird eben einiges mehr als 10 € kosten...

Herzlichst,
Klara

P.S. Übrigens, so habe ich dann von anderen Azubis und auch von einer Dame bei Klier erfahren, ist es absolut üblich, dass dort die Azubis im dritten Lehrjahr voll mitarbeiten und Kunden bedienen, als wären sie bereits GesellInnen. Ist ja auch eine billige Arbeitskraft. Klier stellt das so dar: "Wenn Sie dann schon ein Jahr voll mitgearbeitet haben, ist auch die Gesellenprüfung ein Klacks für Sie." Tatsächlich sind aber die meisten gar nicht so weit, um wie ein Geselle zu arbeiten. Und bei einem guten Friseur ist es üblich, dass ein Haarschnitt, der von einem Azubi gemacht wird, günstiger oder sogar kostenlos ist, wenn man sich z.B. als Prüfungsmodell zur Verfügung stellt. Dafür weiß man dann aber auch, dass vielleicht mal was nicht ganz perfekt ist oder es länger dauert. Aber vielleicht erwartet ein Klier-Kunde ja ohnehin nicht zwingend, dass sein Pony gerade ist?

Kommentare:

  1. Toller Post! Bin ganz deiner Meinung. Diese Billiger-Welle kann nur für alle ins Verderben führen. Das was ich vielleicht hie und da spare, wird mir dann von der Steuer abgezogen, weil es der Staat auch nicht mehr schafft.

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  2. vieles ist nicht o.k. ..... ich weiß es selber!

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