26. Juli 2012

Arsen und Spitzenhäubchen

Oh, ich liebe alte Filme! Irgendwie wusste man vor all den Jahren noch, echte Geschichten zu erzählen, anstatt sein Publikum nur mit Hilfe von überflüssigen Effekten aus der Retorte und Überlängen ins Kino zu locken. Überhaupt: Überlängen. Empfinde nur ich das so, oder wird seit einigen Jahren versucht, durch die Überlänge den Kinobesucher zufrieden zu stellen, weil die Geschichten es nicht mehr schaffen? Denselben Effekt beobachte ich zunehmend bei Romanen: Es scheint absolut im Trend zu sein, dicke Ziegel zu schreiben, mit denen sich bequem jemand k.o. schlagen ließe, um über die mangelnde Sprachqualität hinweg zu täuschen. Und das nicht nur im Bereich der Trivialliteratur... es ist wie mit mittelmäßigen Restaurants. Gemäß der Devise: "Naja, das Essen war eigentlich nicht so doll - aber VIEL WARS!"

Alte Filme haben Überlängen selten nötig, sieht man von Monumentalschinken á la "Gone with the wind" ab, aber solche zähle ich zumindest selten zu den wirklich guten Filmen. Meist reichen 80 - 100 Minuten völlig aus, um eine komplexe Geschichte zu erzählen, egal, ob Drama, Film Noir oder Komödie...



Eine Komödie ist natürlich auch "Arsen und Spitzenhäubchen" mit einem Cary Grant in Höchstform. Ich liebe diesen Film! 

Und ich liebe es auch, Filme im englischen Original zu sehen, weil einfach viel Wortwitz nicht übersetzt werden kann - und durch die Synchronisierung zu viel verloren geht. Mitunter fange ich zwar an, mit meinen Katzen englisch zu sprechen, wenn ich viel auf Englisch schaue, aber denen ist das völlig egal :)


~~~ Arsenic and old lace ~~~

Mortimer Brewster (Cary Grant) ist ein bekannter Theaterkritiker - und eingefleischter Junggeselle, was er die Öffentlichkeit durchaus gerne hat wissen lassen. Aber Mortimer ist eben auch nur ein Mann und der hübschen Nachbarstochter Elaine (Priscilla Lane) kann er einfach nicht widerstehen. Und so will das in aller Eile und Heimlichkeit frisch getraute Paar in ebensolcher Eile zu den Flitterwochen aufbrechen - wie sich's gehört zu den Niagarafällen. Der Taxifahrer wartet, nur noch das Gepäck will geholt sein…. wenn da nicht etwas dazwischen käme. Denn in der Bank unter dem Fenster im Haus seiner lieben alten Tanten findet Mortimer nichts Geringeres als die Leiche eines älteren Mannes…

Was tun? Die Tanten Abby (Josephine Hull) und Martha (Jean Adair) gelten in der gesamten Nachbarschaft als äußerst wohltätig, freundlich und liebenswert. Umso größer der Schock für ihren Neffen, als sie ihm seelenruhig erzählen, dass es sich bei dem Toten um Mr. Hoskins handelt, einen einsamen alten Mann, der bei den Brewster-Schwestern ein Zimmer mieten wollte --- und den die Damen aus reiner Nächstenliebe um die Ecke gebracht haben, weil er doch so alt und einsam war. Dazu eignet sich eine Mischung von Arsen, Strychnin und Zyankali bestens, die die Schwestern in einem guten Rotwein verabreichen - weil sie im Tee einen unangenehmen Geschmack gäbe. Mr. Hoskins ist bei weitem auch nicht das erste Opfer der liebenswerten Tanten. Im Keller ruhen bereits 11 weitere, natürlich mit allen Ehren beerdigt. Eine wertvolle Hilfe ist den Damen dabei Mortimers persönlichkeitsgestörter Bruder Teddy (John Alexander). Der hält sich nämlich für Theodore Roosevelt und ist der Meinung, er grabe im Keller keine Gräber, sondern den Panama-Kanal - und die alten Herren seien Opfer des Gelbfiebers, weswegen sie schleunigst unter die Erde müssen, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern…



 Elaine darf natürlich nichts erfahren. Und eigentlich kann man ja auch die lieben Tanten nicht verraten. Also dem geistesgestörten Teddy alles in die Schuhe schieben? Und dass ausgerechnet Mortimers verkommener und für verschollen geglaubter Bruder Jonathan (Raymond Massey) mitten in der Nacht auftaucht und sich nach und nach als gesuchter Massenmörder entpuppt, der sich nun einbildet, er könne sich mit seinem merkwürdigen kleinen Komplizen Dr. Einstein (Peter Lorre) im Haus der Brewsters verstecken, macht die Sache nicht gerade einfacher…


 
Der Film entstand 1941 und basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Joseph Kesselring, das von dem Drehbuchautor Julius J. Epstein adaptiert wurde. Josephine Hull, Jean Adair und John Alexander spielten bereits in der Uraufführung des Theaterstücks auf dem Broadway (auch 1941) die Rollen der Tanten und des Neffen Teddy. Regie führte Frank Capra.



Im Lexikon des internationalen Films wird "Arsen und Spitzenhäubchen" (Originaltitel: "Arsenic and old Lace") als "Evergreen des schwarzen Humors, von Capra mit makabrem Witz und Phantasie angereichert, wobei er aus dem Gegensatz zwischen kleinbürgerlicher Behaglichkeit und nacktem Entsetzen köstliche Effekte erzielt" beschrieben, und im Heyne Filmlexikon heißt es: "Besticht durch pointierte Dialoge und dem Aufprall biederen Bürgertums mit blankem Horror. Ein Meisterwerk schwarzen Humors."



Einfach herrlich. Und allein die 1000 verschiedenen Gesichtsausdrücke eines unerhört gutaussehenden Cary Grant sind köstlich - nebst dem tiefschwarzen Humor... 



Ich hätte ja auch gerne gesehen, wenn dieses Stück von der Schultheater-Gruppe meiner kleinen Schwester aufgeführt worden wäre - aber die mittelmäßige Lehrerin hat einfach gar niemanden mehr gefragt und gegen den Willen der Gruppe Arthur Miller inszeniert. Gehört sich wohl nicht für ein Gymnasium, eine Komödie zu spielen, wenn sie nicht von Shakespear ist... tja. 

Viel Spaß beim Schauen!

Herzlichst,
Klara



(Teile dieses Textes habe ich vor vielen Jahren im Rahmen einer Filmrezension im Internet veröffentlicht, ich weiß nicht einmal, ob er dort noch verfügbar ist. Falls also jemandem etwas im Text bekannt vorkommt: Er ist nicht kopiert und nicht gestohlen, sondern von der Autorin selbst in neuen Kontext gesetzt, weils ein toller Film ist.)

1 Kommentar:

  1. Hab deinem Blog so ebend erst entdeckt und was soll ich sagen, wow, einfach toll. Gefällt mir sehr gut. Bin gleich mal Leser geworden, würde mich über Gegenverfolgung freuen.

    AntwortenLöschen