18. Juni 2012

The price you pay...

Immer wieder mal kommt es vor, dass mich Leute auf meine Preise ansprechen. "Ansprechen" ist dabei teilweise leider nett ausgedrückt.
Zu meinen Kanzashi-Workshops bringe ich gerne Teilchen mit, die ich gemacht habe, in erster Linie als Anschauungsmaterial und zur Inspiration, aber natürlich ist es durchaus auch möglich, diese käuflich zu erwerben. Insbesondere jüngere TeilnehmerInnen empfinden dabei meine Preise immer wieder als zu hoch. "Ihre Preise sind ja unverschämt!" durfte ich mir im Frühjahr sogar von einer 13jährigen anhören, und eine Teilnehmerin auf der Yukicon hat mir sogar dreist vorgeschlagen, nachdem ich dankend ablehnte, ihr eine aufwendige Haarspange zu schenken, sie könnte ja die Haarspange, die ihr so gut gefällt, einfach klauen und ich könnte sie im Gegenzug ja "nicht dafür anzeigen"...

Was ist nun ein realistischer und was ein unverschämter Preis? Das Empfinden geht scheinbar sehr weit auseinander, und während viele Menschen, ohne einen Gedanken darüber zu verschwenden, gerne für eine Gucci-Sonnenbrille 200€ und mehr auf den Ladentisch blättern (für eine Brille, die letztenendes auch nur aus Plastik ist...), empfinden sie wiederum 8,90€ für ein H&M T-Shirt zu teuer.



Einen angemessenen Preis für die eigene Arbeit zu finden, ist tatsächlich auch für viele meiner "Kollegen" ein großes Problem. Die Kalkulation ist dabei im Prinzip einfach: Materialkosten, Arbeitszeit, Umsatzsteuern, Gewinnspanne, fertig ist der Preis. Oder etwa nicht? Denn wie veranschlage ich meine eigene Arbeitszeit? Als Studentin habe ich Nebenjobs absolviert, in denen ich um 8 € pro Stunde verdient habe. Da war ich aber Studentin, musste von diesen 8 € weder Steuern noch Krankenversicherung bezahlen. Realistisch für einen Selbständigen sind mindestens 20€/Stunde. Und es wird sehr viele Angestellte und Arbeiter geben, die einen sehr viel höheren Stundenlohn erhalten...
Aber ist es damit getan, nur die reine Arbeitszeit zu berücksichtigen, die ich an einem bestimmten Stück arbeite? Was ist mit der Zeit, die ich benötige, um neue Sachen zu entwerfen? Die Zeit, die es braucht, diese Sachen zu photographieren und im Shop einzupflegen? Die Zeit, die es kostet, Material zu besorgen? Wer nicht gleich den erstbesten Preis akzeptieren möchte oder kann, verbringt mitunter Stunden mit der Recherche nach dem günstigsten Händler, der besten Qualität oder einem passenden Großhandel. Kein Wunder also, dass viele ihre mühsam zusammen gesuchten Händleradressen ungern weitergeben und diese Geheimnisse wie kleine Schätze hüten...


Bei einem anderen kleinen offenen Workshop bestand mein Angebot darin, mit den Teilnehmern zum Preis von 5€ pro Stück eine Kanzashi-Haarspange oder Brosche zu basteln. Ein Vater, dessen Tochter gerne teilnehmen wollte, machte mich unsanft darauf aufmerksam, dass das doch ein bißchen teuer sei, immerhin basteln die Kinder ja selbst. Ja, das schon, aber es dauert im Durchschnitt 30 Minuten, bis die Kinder ihre Haarspange glücklich strahlend in Händen halten - auch meine Arbeitszeit. Ich benötige mehrere Stunden, um Stoffe und Zubehör zusammenzustellen und vorzubereiten. Dieses Material muss ich auch zuerst kaufen. Und nicht zuletzt teile ich mit diesen Kindern mein Wissen und Können, das ich über viele Monate selbst zusammengetragen, autodidaktisch erlernt und durch viel Übung vertieft habe. Davon abgesehen war ich insgesamt mehr als 4 Stunden unterwegs, um diesen Workshop überhaupt anbieten zu können... Dinge, die viele Menschen überhaupt nicht sehen.

Woran liegt es, dass wir zwar ohne Murren bereit sind, für teure Designerartikel unangemessen viel Geld auszugeben, Dinge, die trotz Designerlogo in Massen in Billiglohnländern hergestellt sind? Viele teure Designhäuser haben sich bereits für Kinderarbeit verantworten müssen - am Konsum der Kunden ändert es nichts.



Andererseits sind wir so verwöhnt durch Billigpreise von Discountern und Großhandelsketten, von Kik und C&A und H&M, dass viele Menschen einen höheren Preis als den von diesen Billiganbietern vorgegebenen kaum zu zahlen bereit sind. Warum sind diese Waren wohl so billig? Wie schafft es etwa H&M, ein T-Shirt für 4,90€ zu verkaufen? Wolfgang Uchatius hat sich 2010 für die Wochenzeitung "Die Zeit" auf Spurensuche gemacht... und einen ausführlichen, interessanten und heute nicht weniger aktuellen Artikel dazu geschrieben.



"Handmade" steht aber für andere Werte. Hier werden keine Massenprodukte möglichst billig produziert, im Gegenteil, häufig handelt es sich bei den Produkten um liebevoll hergestellte Einzelstücke oder zumindest Kleinstserien, der Kunde/die Kundin erhält ein Produkt, das es so nicht noch einmal gibt, ein Luxus, den sich sonst überwiegend (Super)reiche leisten können - trotzdem erkennen viele Menschen diesen Wert nicht.


Ein Kunsthandwerker hat nicht die Möglichkeit, seine Materialien in Großmengen zum günstigsten Preis zu erwerben. Statt ein paar Cent pro Meter Stoff - bei Abnahme eines ganzen Containers voll - bezahlen wir mit etwas Glück vergünstigte Preise für Geschäftskunden, oft aber den regulären Handelspreis. Wir entwerfen und fertigen jedes Produkt in Handarbeit selbst, wir photographieren es, pflegen es in unsere Onlineshops ein, denken uns Artikeltexte aus, kümmern uns um den Versand und besorgen Verpackungsmaterial, machen unsere Umsatzsteuervoranmeldung, kümmern uns ums Marketing und möchten manchmal alles an die Wand klatschen. Trotzdem möchte ich keinen anderen Beruf. Ich liebe meine Arbeit. Ich freue mich wie Bolle, wenn eine Kundin mir eine liebe Mail schickt und sich für die tollen Haarspangen oder Ohrringe bedankt oder mir sogar ein Photo schickt. Manchmal wünschte ich nur, mehr Menschen wären fähig, den Wert dieser Arbeit zu erkennen und zu honorieren.


Herzlichst,
Klara

P.S. Zum Thema Preisgestaltung, zur Erfahrung mit Kunden und Preisen und so weiter gibt es noch viel zu sagen. Vielleicht wird eine kleine Serie in diesem meinem Blog daraus. Wenn sich noch jemand anderes zu diesem Thema äußern möchte, freue ich mich über Kommentare. Und noch mehr freue ich mich über GastautorInnen! Falls Du also Lust hast, einen Text zum Thema zu verfassen, egal ob als "KollegIn" oder KundIn, melde Dich bei mir!

Kommentare:

  1. Oh ich hör das auch so oft! Neulich hatte ich ein Mädel die gerne eine Braut für einen Junggesellinenabend Stylen lassen wollte. Da ging es um Haare und Make-up. Als ich meinte das würde so um die 70€ kosten konnte die es kaum fassen.
    "oh das ist teuer ; geht das nicht auch günstiger" . Ähm nein gehts nicht..ich hab dabei kaum was raus....Fahrkosten, Materialkosten, Stundenlohn etc. etc.....Ihre Antwort "Also in nem Friseursalon ist es billiger".
    Ja natürlich. Ich bin Selbstständig und ich bin keine Friseur, der zusätzlich etwas schminkt...
    Jedesmal muss man sich rechtfertigen. Am Anfang hab ich mich damit schwer getan, aber jetzt hab ich meine Preise und wenn mich jemand nicht buchen möchte, dann halt nicht.

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    1. Hallo Sylvie!
      Ja, ich denke mir (und weiß es auch), dass es anderen "kreativen Berufen" da nicht besser geht. Deswegen gibt es da noch so viel zu sagen... Gerade bei Friseuren (ich habe diesen Beruf mal erlernt, weil ich auch Maskenbild machen wollte, ist aber aus finanziellen Gründen gescheitert) habe ich mich so oft gefragt, wie die das machen, Cut&Go 10 €. Ich habs mal ausprobiert: Null Service, noch nichtmal ein Glas Wasser, keine (!) Beratung, ein 08/15-Schnitt - und zwei Wochen später war ich bei einem "richtigen" Friseur, weil ich unglücklich war. Solche Dumpingpreise verhindern meiner Meinung nach aber (u.a.), dass die Kunden ein Gespür für einen angemessenen Preis für einen guten Service bekommen... ach, ich könnte Bücher darüber schreiben :D

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  2. ...ja da kann ich dir ganz nachfühlen. Die Preisvorstellungen der Mehrheit sind mittlerweile Abseits der Realität. Und den Preis die sie für vermeintlich günstige Ware ausgeben ist meist höher als jedes durch Künstlerhand hergestellte Unikat. Skalvenhandel, Kinderarbeit, Umweltzerstörung, Ausbeutung von Tieren etc.
    Ich freue mich immer wieder wenn ich einen Beitrag auf blogspot entdecke der Abseits der verbohrte Konsumgewohnheiten die Blogpost hervorbringen wie: "Hey schau was ich tolles im Primemark wieder gekauft habe" oder "Der neue Lippenstift von ... wieder mal ein absolutes KaufMuss".

    Um dieses negativem Trend in der Blogwelt ein wenig entgegen zu wirken hab ich vor ein paar Tagen dieses Projekt gestartet: Fashion-Kleidung Würde mich freuen wenn du mal vorbei schaust und vllt. sogar mitmachst sofern dir die Idee zusagt.

    lg Paul

    Ah...vielen Dank noch für die Artikelempfehlung :-)

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