3. Juni 2012

In Marilyn...




Eigentlich sollte es nur ein Vorwort werden zu einem Photoband über sie. Am Ende ist Norman Mailer so fasziniert von seinem "Projekt Marilyn", dass eine 'Biographie' mit Photos daraus wird. Oder nicht?

Gewiss, ich erfahre einiges über Marilyns Leben, ihre Kindheit ohne Vater, mal bei der Mutter, mal in Kinderheimen, mal bei Pflegefamilien. Über erste Gehversuche als Photomodell, die sie hervorragend meistert, zu einem der beliebesten Pin-ups avanciert. Über ihre Zeit bei der 20th Century Fox, ihre Filme, ihre Probleme, ihre Unzuverlässigkeit, ihren bis heute ungeklärten Tod. Und ihre Männer. Ja, vor allem über ihre Männer. 

Norma Jeane Baker und James Dougherty - die erste Ehe
 
Die erste Ehe: Nur ein verzweifelter Versuch, erwachsen zu werden. Und zum Scheitern verurteilt, weil sie mehr will, als Heimchen am Herd sein. Viel mehr. Die zweite mit Joe Di Maggio: Liebe, Hass, Hassliebe. Er, den Zenit seiner Sportlerkarriere bereits überschritten, wünscht sich eine häusliche Ehefrau. Sie erklimmt gerade den Olymp Hollywoods. Seine Eifersucht ruiniert die Beziehung. 
Marilyn und Joe DiMaggio - die zweite Ehe
Marilyn und Arthur Miller - die dritte Ehe

Dann Arthur Miller, die Vaterfigur. Und die Affären. Mit den Kennedys und mit Yves Montand, vielleicht auch mit Laurence Olivier. 

Marilyn und John F. Kennedy
Marilyn und Yves Montand, den sie beim Film "Let's make love" kennenlernt

Was ich zunächst begrüße, ist Norman Mailers Art, alle Fakten kritisch zu betrachten, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Marilyns Biographie (wie vermutlich jede Biographie über berühmte Persönlichkeiten) mit Vorsicht zu genießen ist, behaftet mit Mythen und Legenden, in die Welt gesetzt vor allem von ihr selbst, ein Bild zeichnend von einer maßlos unterschätzten, verletzten und verletzlichen Frau. Ihre Kindheit, sagt Mailer, war gar nicht so schlimm, wie sie immer tut, im Kinderheim gings ihr doch gut, und manchmal kann es auch ein Vorteil sein, seinen Vater nicht zu kennen, kann man doch, wie sies gemacht hat, weitere Mythen darum spinnen, aus dem Wunsch, einen tollen, berühmten Vater zu haben, tatsächlich einen machen. Und Herr Mailer kommt sich so schlau vor darin, in den meisten bisher erhältlichen Marilyn-Biographien und besonders ihrer Autobiographie zwischen den Zeilen zu lesen. Nur: Zwischen welchen Zeilen liest er tatsächlich? Und was? Immerhin kann er dann sagen, er hätte nicht nur von den anderen abgeschrieben, sondern auch ein bißchen darüber nachgesonnen...



Dabei entgeht ihm, dass der aufmerksame Leser, der fähig ist, zwischen SEINEN Zeilen zu lesen, aus diesem Buch mehr über den Schreiber als über dessen Objekt erfährt. Denn aus jeder Zeile trieft Gift auf die Frau, der er es so übelnimmt, dass er nie zu den Glücklichen gehören durfte, die etwas in sie hineinsteckten, in sie, die er als "fickige Votze" bezeichnet. Er nimmt ihr André de Dienes übel, einer der Photographen, die ihre schönsten Photos machten. Er nimmt ihr DiMaggio übel, aber nur ein bißchen, immerhin ist es ja nur ein Baseballtrottel, einer, mit dem sich ein Herr Mailer leicht messen zu können glaubt. Aber besonders verübelt er ihr Arthur Miller. Wenn sie schon unbedingt einen Schriftsteller in sich hinein lassen musste, warum dann gottverdammt nicht Norman Mailer?! Das lese ich zwischen seinen Zeilen. Kann sich Norman Mailer mit Arthur Miller messen? Norman meint: Ja. Ich lese: Nein. Warum sollte er es sonst nötig haben, bei jeder Gelegenheit über den 'Kollegen' herzuziehen. Miller habe es lediglich geschafft, ein (1!) gutes Stück zu schreiben (Death of a Salesman), er, Mailer, hat es dagegen geschafft, nur literarische Perlen zu erschaffen! Wünscht es sich und schwelgt weiter in Ressentiments. 

Norman Mailer

Nein, Herr Mailer, mit diesem Werk haben Sie keine 'sprachgewaltige Liebeserklärung' an die 'betörende Silberfee', keine 'poetische Huldigung' geschaffen, wie der Klappentext verheißt. Wer hat den geschrieben? Norman Mailer? Könnte man meinen. Mit Sicherheit jedenfalls ein Mann. Und zwar einer, der Marilyn genauso gerne gehabt hätte, und dem Norman Mailers Wut darüber, dass er sie nicht haben konnte, aus der Seele spricht. Sage ich. Übrig bleiben viele schöne Photos, zusammengestellt von Lawrence Schiller. Und der Wunsch, Norman Mailer hätte tatsächlich nur ein Vorwort zu einem Photoband verfasst. Oder noch besser gar nichts.



(Diesen Text hatte ich vor einiger Zeit bereits einmal an anderer Stelle im Internet veröffentlicht und habe ihn hier noch einmal geringfügig überarbeitet.)

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