26. Mai 2012

Das Mädchen Rosemarie... ein Wirtschaftswunderkind


Rosemarie Nitribitt – ein Name wie Sprengstoff. Ein Name, der mit dem deutschen Wirtschaftswunder der 1950er Jahre untrennbar verknüpft ist. 

Rosemarie Nitribitt, das "Wirtschaftswunderkind"
 
Sehr viel ist über das Leben von Rosalie Marie Auguste Nitribitt, die sich später Rosemarie nannte, nicht bekannt. Als uneheliche Tochter mit unbekanntem Vater geboren, verbrachte sie ihre Kindheit in sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihr Mutter musste mehrere Freiheitsstrafen verbüßen, weswegen die kleine Rosalie in mehrere Kinderheime gesteckt wurde. Dort galt sie als schwer erziehbar und riss mehrere Male aus, landete schließlich in einer Pflegefamilie. Als 11-jährige wurde sie von einem 18jährigen deutschen Soldaten vergewaltigt, die Tat wurde aber nie angezeigt und gesühnt.
Sehr früh fing Rosemarie an, als Prostituierte zu arbeiten, kam wieder in ein Erziehungsheim – und riss wieder aus.
Rosemarie wünschte sich, in die „besseren Kreise“ aufgenommen zu werden, gab sich große Mühe, ihre Herkunft zu verbergen und lernte englisch, französisch und „besseres Benehmen“. Sie schaffte es, sich zur Edelprostituierten „hochzuarbeiten“, und ihre Einnahmen reichten schließlich sogar für den berühmt gewordenen schwarzen Mercedes mit den roten Ledersitzen, der zu ihrem Markenzeichen wurde. 



Zahlreiche Herren aus gehobenen Kreisen in Wirtschaft und Politik zählten zu ihren Kunden. Was aber tatsächlich vorfiel und weshalb Rosemarie Nitribitt ermordet wurde, konnte nie geklärt werden. Am 1. November 1957 wurde Rosemarie mit einer Platzwunde am Kopf und Würgemalen am Hals in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main tot aufgefunden. Wegen eines Fehlers der Polizei, die in der stark überheizten Wohnung sofort die Fenster aufriss, ohne vorher die genaue Temperatur festzustellen, konnte der genaue Todeszeitpunkt nicht mit Sicherheit bestimmt werden, weswegen im späteren Prozess der Hauptverdächtige Heinz Pohlmann freigesprochen wurde. Die Ermittler gingen von einem Todeszeitpunkt etwa drei Tage vor ihrem Auffinden aus. Jedoch hatte vermutlich ihr Mörder die Fußbodenheizung voll aufgedreht, und die Leiche, die teilweise auf dem Boden auflag, begann in der heißen Umgebung sehr viel schneller zu verwesen, als dies bei niedrigeren Temperaturen der Fall gewesen wäre. Auch wollen Nachbarn Rosemarie Nitribitt noch nach dem von der Polizei festgestellten Todeszeitpunkt bei kleinen Besorgungen in der Nachbarschaft gesehen haben.
Ermittelt wurde seinerzeit gegen zahlreiche Prominente aus Wirtschaft und Politik, so z.B. gegen Angehörige der Familie Krupp, gegen Gunther Sachs und Harald Quandt. Neuere Archivfunde zeigten auf, dass vermutlich auch der damalige Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm und der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zu den Kunden Rosemaries gehörten. Zahlreiche „Ermittlungspannen“ der Polizei legten und legen den Verdacht nahe, dass gezielt vertuscht wurde.
Rosemaries Mörder wurde nie gefunden, und ihr Fall zählt zu den bekanntesten unaufgeklärten Mordfällen der Bundesrepublik Deutschland. 



Mit dieser Geschichte haben der Roman „Das Mädchen Rosemarie“ von Erich Kuby aus dem Jahr 1958 und die darauf basierende Verfilmung von Rolf Thiele mit Nadja Tiller in der Titelrolle nur wenig zu tun. Auch ist nicht bekannt, ob Rosemarie Nitribitt ihre Kunden tatsächlich ausspionierte, wie Kuby darstellt. Kuby entspinnt eine Geschichte, nach der Rosemarie mehr durch einen Zufall Einzug in ein Kartell mächtiger Wirtschaftsbosse findet. Als der französische Industrielle Alfons Fribert  – in Wahrheit ein Wirtschaftsspion – auftaucht, wittert er durch Rosemarie eine Chance. Diese, in ihrem Stolz verletzt, weil Konrad Hartog, einer der Wirtschaftsbosse, sie abgewiesen hat, nimmt Friberts Angebot an, und beginnt systematisch, Kontakt zu Mitgliedern des „Kartells“ aufzunehmen und diese bei den Schäferstündchen mit Hilfe eines Tonbandgerätes auszuspionieren. Am Ende jedoch will sie nicht mehr mit Fribert mitspielen und läßt die Bänder verschwinden. Das „Kartell“ bietet ihr hohe Summen für die Bänder, sie jedoch will nur eines: In die Gesellschaft aufgenommen werden. Sie versucht, Konrad Hartog mit den Bändern zu erpressen, damit er sie heiratet, doch er lehnt ab. Wer hat Rosemarie schließlich ermordet? Fribert, einer der „Kartellmitglieder“ oder sogar Hartogs Schwester, der Rosemarie von Anfang an ein Dorn im Auge war? 



1996 hat Bernd Eichinger mit Nina Hoss ein Remake des Films gedreht – der Durchbruch für die damals noch junge Schauspielerin. Die restliche Besetzungsliste liest sich teilweise wie ein „who is who“ der deutschen Schauspielszene: Heiner Lauterbach, Hannelore Elsner, Til Schweiger, Katja Flint, Mathieu Carrière. Und ich muss gestehen: Auch wenn ich Remakes gegenüber meist zu Recht vorurteilsbelastet bin – dieses Remake übertrifft für mich das Original. Gewiss, es ist ein sehr „gefälliger“ und „kommerzieller“ Film ohne großen künstlerischen Anspruch, ein TV-Film als nette Abendunterhaltung. Und außer Nina Hoss mag ich als SchauspielerInnen nur noch Hannelore Elsner. Aber die beiden, und insbesondere Nina Hoss, machen einfach den Unterschied. 

Hannelore Elsner und Nina Hoss in Eichingers Remake von 1996
 
Ich weiß, Nadja Tiller galt damals als eine DER Schauspielerinnen, und auch sie hatte, wie Nina Hoss, mit Rosemarie ihren Durchbruch. Nadja Tiller galt zeitweise neben Sophia Loren als erotischste und schönste Frau Europas, erhielt zahlreiche Preise auch für diesen Film… und sie ist auch sehr schön. Nichtsdestotrotz empfinde ich ihr Schauspiel als Rosemarie hölzern und überzogen. In den emotionalsten Szenen bleibt sie kalt wie ein Fisch, leiert ihre Zeilen herunter und verrät keinerlei Mimik. Ein Gesichtsausdruck für den ganzen Film. Dazu ihre eigenartige Helmfrisur, in der sich kein Härchen regt, und die ihr schönes Gesicht reichlich unvorteilhaft umrahmt. 

Nadja Tiller (Rosemarie) und Peter van Eyck als Fribert

Aber es gibt noch weitere Dinge, die mich an Thieles Film unangenehm stören. Ja, ich bin keine große Freundin von Liedern in Filmen (mit ganz wenigen Ausnahmen), deswegen kann ich auch Disney nur schwer ertragen. Und auch, wenn die Songs aus dem Film zur damaligen Zeit zu Gassenhauern wurden – ich empfinde sie eher bemüht und aufgesetzt. Die Dialoge sind bisweilen ziemlich gestelzt und knöchern, und die Darstellung der „Kartellbosse“, die mit ihren dunklen Anzügen, Hüten und klobigen schwarzen Mercedes-Limousinen zu einer Art Mafiabosse stilisiert werden sollten, wirkt eher lächerlich und oberflächlich.

Gert Fröbe als Industrieller Bruster mit Rosemarie (Nadja Tiller)

Der gesellschaftskritische Anspruch von „Das Mädchen Rosemarie“ geht meiner Meinung nach unter in einer wilden Mischung aus versuchtem Kunstfilm, Slapstick, Cabaret, Rock’n’Roll und Musical, die nichts Halbes und nichts Ganzes ist, und daran ändert auch der Skandal nichts, den der Film seinerzeit angeblich heraufbeschworen hat. So versuchte der zuständige Filmreferent des Auswärtigen Amtes Franz Rowas, die Aufführung des Filmes auf der Biennale zu verhindern, da der Film zu stark verallgemeinere und den Aufschwung der Bundesrepublik mit moralischem Niedergang verknüpfe, was dem Ansehen Deutschlands im Ausland schaden könne. Als die Presse davon erfuhr, berichtete sie spöttisch über dieses Vorgehen, und nach einer Prüfung des FSK konnte der Film endlich mit nur wenigen kleinen Änderungen gezeigt werden. Warum der Film erst ab 18 freigegeben ist, verwundert aus heutiger Sicht natürlich sehr… für die prüden Nachkriegsfünfziger mag er jedoch äußerst frivol gewesen sein… (heute ist ja auch niemand mehr von Hildegard Knefs sekundenkurzer Nacktszene in „Die Sünderin“ schockiert, damals war dieser Auftritt einer der größten Skandale des Nachkriegsfilms…)

Nina Hoss als Rosemarie 1996
 
Eichingers Remake orientiert sich sehr stark am „Original“, übernimmt bisweilen sogar Dialoge fast wörtlich, wird jedoch zu Beginn ergänzt durch kurze Episoden aus Rosemaries Jugend, über die sich Thiele komplett ausschweigt. Lieder gibt es bei Eichinger zum Glück gar nicht, und insgesamt gesehen wirkt die Geschichte für mich schlüssiger und zusammenhängender – die Erzählung ist flüssig, mit allmählicher Steigerung bis zur Spitze des Spannungsbogens, während Thiele sprung- und episodenhaft erzählt.



Besonders ist aber vor allem das Schauspiel von Nina Hoss. Meiner Meinung nach spielt sie Nadja Tiller mit Leichtigkeit gegen die Wand und macht es leicht, über den ewig näselnden Til Schweiger hinwegzusehen. Ihre Rosemarie ist emotional, kaltschnäuzig, frivol, naiv, erfahren, albern, ernst und zuletzt unglaublich traurig und erschöpft, ehe sie sich noch einmal für ihren großen Auftritt auf dem Fest des Industriellen Bruster aufrafft – und allen die Show stiehlt. Sie weint, sie lacht, sie schreit, sie gurrt, sie LEBT – Nina IST Rosemarie. Nadja spielt und bleibt gewollt. 

Nina Hoss

 Daneben gefällt Hannelore Elsner als eiskalte Schwester Konrad Hartogs und entschiedene Gegnerin Rosemaries, deren „Vorlage“ Hanne Wieder als Marga in Thieles Film dagegen blass und unglaubwürdig wirkt, eher wie ein verzogenes Kind, das jetzt Dame von Welt spielt und vorgibt, im Gesellschaftsspiel eine Rolle zu spielen – während Hannelore Elsner elegante Dame von Welt IST – mit Weitblick, was die Affären ihres Bruders und seiner „Kartellkollegen“ angeht. 

 
Die berühmte Szene, in der Rosemarie auf einem Gartenfest des Industriellen Bruster, im Original von 1958 gespielt von Gert Fröbe, auftaucht und einen Skandal provoziert, setzt Eichinger als glorioses Finale ans Ende seines Filmes. Ein guter Schachzug, finde ich, denn Nadja-Rosemaries Auftritt auf diesem Fest wirkt zwar als Skandal, verpufft jedoch in seiner Wirkung sofort wieder, nachdem das Fest zu Ende ist und der Film weiterplätschert. Der unaufhaltsame Abstieg Rosemaries verläuft in Thieles Film eher flach und undramatisch, und am Ende muss man sich sogar ein wenig fragen, weshalb Rosemarie gerade jetzt ermordet wird, denn auf diese Weise hätte es auch noch eine halbe Stunde weiterplätschern können. 


Eichinger setzt seiner Rosemarie geradezu ein Denkmal, zumindest einen denkwürdigen Auftritt. Als Marilyn-Monroe-Kopie schickt er Nina-Rosemarie im goldenen Plisseekleid zum Fest, verführerisch, sexy, kurvig und atemberaubend. Der Skandal ist perfekt, die biederen Ehefrauen sind schockiert, und Rosemarie tanzt sich strahlend durch den Abend und die Arme ihrer Freier… Ein großes Finale vor dem tragischen Ende: Zwei, drei weiße Sätze auf schwarzem Grund verkünden Rosemaries Tod. 

Nina Hoss
Marilyn Monroe

Ein altes Thema: Die junge Frau ohne sozialen Background, ohne reiche Familie und ohne (Aus)Bildung zahlt den Preis für ihr Streben und ihren Hunger nach Liebe und Anerkennung – während die intriganten, korrupten und selbstsüchtigen reichen Wirtschaftsbosse sogar mit einem Mord davon kommen, um ihr zweifelhaftes Ansehen wieder herzustellen. Rosemarie hat den teuersten Preis gezahlt. Ihr Mörder wurde nie gefunden. 



Quellen: imdb.com; Wikipedia; filmportal.de

Der Roman: Erich Kuby: Rosemarie, des deutschen Wunders liebstes Kind, Rotbuch Verlag 2010

Das Mädchen Rosemarie (1958)
Regie: Rolf Thiele
Drehbuch: Rolf Thiele, Erich Kuby, Rolf Ulrich, Jo Herbst
Erscheinungsjahr 1958
Länge 101 Minuten
Altersfreigabe FSK 18
Produktion: Luggi Waldleitner
Musik: Norbert Schultze
Kamera: Klaus von Rautenfeldt
Mit Nadja Tiller, Gert Fröbe, Peter van Eyck, Carl Raddatz, Mario Adorf, Hanne Wieder, Karin Baal u.a.

Das Mädchen Rosemarie (1996)
Regie: Bernd Eichinger
Drehbuch: Bernd Eichinger, Uwe Wilhelm
Erscheinungsjahr 1996
Länge 135 Minuten
Altersfreigabe: FSK 12
Produktion: Constantin Film Co.
Musik: Klaus Strazicky
Mit Nina Hoss, Heiner Lauterbach, Hannelore Elsner, Til Schweiger, Mathieu Carrière, Katja Flint, Horst Krause u.a.

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