20. Dezember 2012

Bitte... kein Pelz!

Echten Pelz zu tragen sollte doch längst Vergangenheit sein... oder?

Früher mal war "Fake Fur", also Kunstpelz, häufig wenig schön, kratzig, fühlte sich nach Plastik an, und war bestenfalls für Faschingskostüme zu gebrauchen. Seit einigen Jahren gibt es aber immer schönere und bessere Pelzimitate, und viele sind kaum noch vom "echten" zu unterscheiden.

Trotzdem greifen immer mehr Modemacher wieder zum echten Pelz - und immer mehr "Handmade"-Macher... ein Trend, den ich nicht verstehen kann. Zumal "handmade" für mich auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Damit, dem Massenkonsum und der Herstellung in der Dritten Welt (immer auf Kosten der Arbeiter) den Rücken zu kehren.



Pelz passt da meiner Meinung nach nicht rein. Pelz geht gar nicht, weder als Luxusartikel der Haute Couture noch als "echter Nerzbommel" an der handgestrickten Mütze. Eine Dawanda-Suche nach dem Stichwort "echter Pelz" bringt momentan fast 600 Ergebnisse, iPhone-Taschen aus Echtpelz, Mützen mit Nerzbommel, Schals, Muffs, Vintage-Artikel, Stolen, Loopschals, Hütchen, Stiefelgamaschen, Beinwärmer, Taschen, Schmuck, Accessoires, und natürlich auch Pelzteile als "Rohmaterial" für die Herstellung eigener Kreationen...

Bisweilen wird der echte Pelz auch noch als "sexy" angepriesen... nein, Pelz ist nicht sexy. Niemand muss heutzutage mehr echten Pelz tragen.


Dabei finde ich, ist es ganz egal, ob es "nur" Kaninchenfell ist, Fuchs oder Nerz. Häufig ist der "hochwertige echte Pelz" sogar Hunde- oder Katzenfell aus China, das durch bisweilen fragwürdige Nachbehandlungen einen "Nerzlook" erhält. Nein, ich finde Pelz weder sexy noch luxuriös, sondern einfach nur peinlich... 

Herzlichst,
Klara


18. Dezember 2012

Bye bye, Berlin... Hallo Köln!

Es klang am Anfang so gut. Ein Fach mieten in den Hackeschen Höfen, um meine Haarspangen auch in einem "richtigen" Laden verkaufen zu können. Und am Anfang lief es auch gut.

Nach eineinhalb Jahren habe ich mich aber von Promobo getrennt. Denn die "Promotion" meiner gemieteten "Box" entsprach leider nicht mehr dem, was ich erwarte... und das Verhalten der Ladeninhaber empfand ich zunehmend als sehr unprofessionell. Nein, es war längst Zeit, andere Wege zu gehen.



Jetzt haben die KölnerInnen Glück :) Denn seit kurzem gibt es eine kleine, feine Auswahl handgenähter Haarschleifen bei Miss Meany in Köln zu kaufen! Auf den schönen Laden bin ich durch eine Bekannte aufmerksam geworden. In angenehmer Atmosphäre könnt ihr hier Kleider à la Vintage und Rockabilly finden, natürlich bei guter Musik und nebst passender Accessoires. Fand ich sofort sympathisch. Und ich freue mich, dass Inhaberin Britta an meinen Schleifchen Gefallen gefunden hat!

Schaut mal vorbei!

Hier gehts zum Webauftritt von Miss Meany ->

Miss Meany
Merowingerstraße 50
50677 Köln

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 11 bis 19 Uhr
Samstag 11 bis 16 Uhr








Bilder von www.stadtmagazin.com, goldstueck.biz, yelp.de und Miss Meany

30. November 2012

Leben und lernen...

Ein kontroverses Thema, nicht nur unter "handmade"-Machern... wie ist das mit Autodidakten und fundierter Ausbildung?

Gerade der Handmade-Bereich verleitet natürlich dazu, dass viele "Hobby-BastlerInnen" ihre selbstgemachten Werke ausstellen und zum Verkauf anbieten, und es wird ganz sicher schon jedem mal passiert sein, der sich auf Verkaufsplattformen wie Dawanda oder Etsy bewegt, dass man sich im Stillen denkt: "Oh mein Gott, ist das scheußlich! Wie kann man das anbieten? (Und wieso kauft das sogar noch wer???)" Hand aufs Herz!

Andererseits macht in so manchem Fall auch der Charme des hobbyhaft Selbstgemachten den Reiz der Sache aus, weil es schlicht einzigartig ist. Sonst könnte man ja auch zu Nanu Nana oder Bijou Brigitte gehen...

Sehr viele Anbieter und Shop-InhaberInnen haben ihr Handwerk aber auch von der Pike auf gelernt, und wenn ich mir ein Kleid von einer Maßschneiderin anfertigen lasse, die einen Schnitt extra nur für mich nach meinen Maßen macht, das Material sorgfältig auswählt und für mich ein passgenaues Kleid näht, hat das seinen Preis - den ist es aber unbedingt wert.

An anderer Stelle hier habe ich mir schon viele Gedanken über den angemessenen Preis gemacht, und ja, es ist ärgerlich, wenn man viel Sorgfalt, Zeit und Können in etwas legt - und anderswo bietet jemand etwas Ähnliches zu einem Bruchteil des Preises an. Und ich denke, viele können auch ein Liedchen davon singen, wenn sie mal wieder von einem (potentiellen) Kunden angemault werden. "Das ist aber teuer! Bei [...] bekomm ich das fürn paar Euro!"

Eine gute Ausbildung ist zeitintensiv und kostet viel, und meistens verdient man in der Ausbildung nur einen Bruchteil dessen, was man in der selben Zeit irgendwo als Fließbandarbeiter oder an der Aldikasse verdienen könnte. Dass man anschließend auch die Früchte seiner Mühen ernten möchte, weil man dafür auch einiges bietet, ist nur logisch. Und mal ehrlich: Für eine Autoreparatur zahlt man doch ebenso den fälligen Preis, und auch der Klempner, der am Sonntag nachmittag den Rohrbruch repariert, hat seinen Preis. Warum muss sich aber eine Maßschneiderin rechtfertigen, weil sie keine H&M-Preise hat?

Aber wie ist das nun mit den Autodidakten? Ist die Arbeit eines "Gelernten" grundsätzlich höher zu bewerten? Kann man automatisch mehr, wenn an einen Gesellenbrief hat?
Ich bin der Meinung: Nein.

Ich bin Autodidaktin. Irgendwie schon immer gewesen. Wenn mich etwas interessiert, vertiefe ich selbständig mein Wissen und lerne dadurch oft allein mehr, als in einem Kurs oder Seminar. Ich habe eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, die ich grundsätzlich nicht bereue, auch wenn ich heute rückblickend etwas anderes machen würde. Aber in meiner ersten Orientierungslosigkeit nach dem Abitur schien es eine gute Entscheidung. Dann habe ich einige Jahre an der Universität studiert,  Germanistik und Kunstgeschichte, dazu ein Grundstudium in Publizistik. Aus vielerlei Gründen habe ich dieses Studium kurz vor dem Abschluß abgebrochen, um mich dem zu widmen, was ich jetzt mache. Trotzdem habe ich viel Zeit und Energie in meine Studien gesteckt und unheimlich viel gelernt, das mir heute nützlich ist - vor allem, WIE man lernt. Ich habe gelernt, zu recherchieren, ein großes Lesepensum zu bewältigen, nützliche von unnützen Informationen zu unterscheiden, kritisch zu lesen und zu studieren. All das kommt mir jetzt zu Gute.

Denn: Autodidakt sein heißt nicht: "Oh, das kann ich auch, ich setz mich jetzt mal hin und stoppel was zusammen." Autodidakt sein heißt, lernen, lernen, lernen, lesen, recherchieren, üben, entwickeln, machen und nochmal lernen. Es heißt, sich selbst viel Wissen anzueignen. Es heißt, bei Bedarf auch die richtigen Leute zu fragen, die einem weiterhelfen können. Es heißt, sich mit einem Berg Fachliteratur auseinandersetzen. Und zwischendurch auch mal zu verzweifeln.... :)

Bei Wikipedia heißt es z.B.: Ein Autodidakt (altgr. αὐτός autos, selbst‘ und διδάσκειν didaskein, lehren‘) ist jemand, der sich autodidaktisch (d. h. im Selbststudium) eine Bildung auf hohem Niveau aneignet. Anders als der Dilettant, der sein Wissen zwar autodidaktisch erworben haben kann, dies jedoch nur auf niedrigem Niveau, strebt der Autodidakt in der Regel eine professionelle Anwendung seines Wissens an und mitunter auch die gesellschaftliche Anerkennung.

Gleichzeitig muss allerdings nicht jeder Autodidakt Erfolg haben, und nicht alles ist von Anfang an perfekt, das trifft aber auch auf Menschen mit Ausbildung zu. Eine Ausbildung muss nicht automatisch bedeuten, dass derjenige dann auch wirklich richtig was kann. Denn auch zu einer Ausbildung gehört meiner Meinung nach sehr viel Engagement - und autodidaktisches Lernen, das über den Lehrplan hinausgeht.

Ich möchte hier aber wirklich einmal eine Lanze für all die Autodidakten und Autodidaktinnen brechen, die Herzblut und Engagement in ihre Selbstbildung stecken - egal, in welchem Bereich. Weil ich selbst und einige Menschen in meiner Umgebung immer wieder gegen die Wand laufen: "Aber du hast ja keine Ausbildung in dem Bereich!" (Sprich: Du hast keinen Zettel, auf dem "offiziell" steht, dass du qualifiziert bist.)

Wusstet ihr, dass es eine ellenlange Liste berühmter Autodidakten in allen Bereichen gibt, deren Können wohl niemand anzweifeln würde? Hier nur ein paar Beispiele:

Albert Einstein (Physiker)
Jean-Jacques Rousseau (Philosoph und Schriftsteller)
Johann Wolfgang Goethe (Schriftsteller)
Jimi Hendrix (Musiker)
Abraham Lincoln (Politiker, 16. Präsident der USA)
Vincent van Gogh (Maler)
Elvis Presley (Musiker)
Jacob und Wilhelm Grimm (Sprachwissenschaftler, eigentlich ausgebildete Juristen)
Theodor Storm (Dichter)
Charlie Parker (Musiker)
Gottfried Wilhelm Leibniz (Philosoph und Mathematiker)
Geord Philip Telemann (Komponist)
Wassily Kandinski (Maler und Kunsttheoretiker)
Pier Paolo Pasolini (Filmregisseur, Theoretiker und Dichter)
Richard Buckminster Fuller (Architekt und Erfinder)
Le Corbusier (Architekt)
Jean-Luc Godard (Filmemacher, Kritiker und Theoretiker)
Jean-Francois Champollion (Entzifferer der Hieroglyphen)
Francis Bacon (Maler)
Paul Cezanne (Maler, wegweisend für die Moderne)
Spinoza (Philosoph)
Yves Klein (Maler, Bildhauer, Performancekünstler)
Astrid Lindgren (Kinderbuchautorin)
Frida Kahlo (Malerin)
Ornette Coleman ("Erfinder" des Free Jazz)
Fjodor Dostojewski (Schriftsteller)
Fjodor Iwanowitsch Schaljapin (Opernsänger)
Francois Truffaut (Filmemacher und Kritiker)
Marcel Reich-Ranicki (Kritiker und Schriftsteller)
Jim Morrison (Musiker und Dichter)
Gottfried Keller (Dicher und Schriftsteller)

... die Liste ließe sich noch (fast) endlos fortführen... eine Liste, die Mut machen soll. Die zeigen soll, dass man erreichen kann, was man erreichen will. Die zeigen soll, dass man auch mit einem schrägen Lebenslauf viel schaffen kann. Wenn man bereit ist, viel dafür zu tun.

Herzlichst,
Klara

21. November 2012

Spielzeug für Kapstadt!

Sylvi Schwarzer ist Maskenbildnerin mit Leib und Seele... jetzt sammelt die gebürtige Südafrikanerin für bedürftige Kinder! Alle Spenden kommen direkt den Kindern zugute - nicht wie bei den großen Hilfsorganisationen, wo von jedem gespendeten Euro oft nur wenige Cent da ankommen, wo sie ankommen sollen (während der Rest im Verwaltungsapparat verschwindet). Sylvi kauft von den Spenden Spielsachen, Kleidung und Schulsachen und verteilt sie selbst an die Kinder, natürlich soll auch alles photographisch festgehalten werden, damit ihr sehen könnt, was mit eurer Spende passiert.

Jetzt haben einige Läden, DesignerInnen und KunsthandwerkerInnen verschiedene Stücke gespendet, die über die dazu gehörige Facebookseite "Spielzeug für Kapstadt" gekauft werden können. Die meisten Sachen gibt es zum Sonderpreis, der Verkaufserlös geht komplett an die Spendenaktion! Geht also doch mal shoppen für den guten Zweck!

Klara unterstützt Sylvie mit drei Haarschleifensets, die ebenfalls zum reduzierten Preis von je 6,90€ + 1,60€ Porto erhältlich sind.


2er Set Schleifchen mit Kirschen

2er Set Schleifchen in türkis mit Polka Dots

2er Set Schleifchen in rot mit weißen Punkten

Außerdem gibt es schöne Ohrringe, Taschen und mehr! Vielleicht ist ja ein Geschenk für euch selbst dabei - oder für die beste Freundin, Mama, Schwester, Nichte,....

Ich finde die Aktion sehr unterstützenswert!

Wer mag, kann natürlich auch einfach so spenden, ohne etwas zu kaufen. Alle Infos findet ihr hier bei betterplace.org

Herzlichst,
Klara

4. Oktober 2012

Herbst-Hütchen!

Ja, es ist schon wieder eine Weile her. Der Sommer ist vorbei, und plötzlich ist es richtig herbstig geworden. Ich wärme mich mit Unmengen Tee auf, und an Tagen wie diesen, grau, stürmisch und wolkenverhangen, mag ich gar nicht raus gehen...

In der Zeit meiner Blog-Abwesenheit habe ich endlich etwas verwirklicht, das ich schon so lange vor hatte: Jede Menge Fascinators für die kalte Jahreszeit, gefilzt aus Schafwolle und weicher Merino-Wolle, und auf unterschiedlichste Arten dekoriert. Wichtig war und ist mir, Hütchen zu fertigen, die auch im Alltag tragbar sind, aber so schick, dass sie auch besondere Anlässe verschönern können. Nicht zu überkandidelt, aber trotzdem Eyecatcher.

Ich mag Fascinators und kleine Hütchen. Sie sind einfach etwas Besonderes, weil heute nach wie vor wenige Leute Hut tragen. Aber es hat mir einfach nicht gereicht, fertige Fascinator-Bases zu verzieren, und daher experimentiere ich damit, meine eigenen herzustellen, die ich ganz an meine Wünsche und Vorstellungen anpassen kann. Es stößt mir sogar immer wieder sauer auf, wenn ich im Handmade-Bereich Dinge sehe, die einfach nur aus fertig gekauften Teilen zusammengesetzt sind. Man klebe Fertigteil A auf Fertigteil B, "Schau mal, hab ich selbst gemacht!" Schon mehrfach habe ich Teile entdeckt, von denen ich genau sagen kann: Federblüte, fertig gekauft für ca. 2€ pro Stück, geklebt auf Fascinator-Base, gekauft für ca. 1,50€ pro Stück, Arbeitszeit ca. 5 Minuten, Verkaufspreis 30€. Ich mag sowas nicht. Das ist nicht "handmade", in meinem Verständnis.

Weil ich Schafe liebe, und Wolle auch, lag es nahe, zu filzen. Filz ist ein tolles Material, franst nicht aus, ist weich und farbenfroh und wunderbar wärmend. Und ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass der Prozess des Filzens an sich so viel Spaß machen könnte! Das Zupfen der feinen Wolle, das Streichen und Kreisen mit den Händen auf der nassen Wolle, das Ausspülen, und schließlich das mitunter recht anstrengende Walken - all das sind so haptische Erfahrungen!

Die erste angefilzte Lage Wolle

Eine zweite Lage Wolle ist aufgezupft

Der Rohling vor dem Walken

Beim Walken kann der Hut zwischendurch auch mal etwas deformiert aussehen...

Der fertige Rohling wird noch feucht auf einen Styroporkopf gespannt, damit er die gewölbte Form bekommt. 


Bei der Merinowolle habe ich gezielt nach Wolle gesucht, die nicht aus Australien kommt. Das ist mir sehr wichtig, denn australische Merinoschafe sind völlig überzüchtet, um die Wollausbeute zu erhöhen, daher haben sie richtige Hautfalten. Schmeißfliegen befallen die Schafe und legen Eier in diese Hautfalten, und die betroffenen Tiere werden regelrecht von Maden zerfressen. Um das zu verhindern werden die Tiere in Australien, teilweise auch in Neuseeland, einer sehr schmerzhaften Prozedur, dem sogenannten "Mulesing" unterzogen, bei dem ohne Narkose mit großen Scheren, die an Rosenscheren erinnern, Hautlappen am Hinterteil der Schafe einfach weggeschnitten werden. Die Tiere läßt man mit den offenen Wunden wieder laufen, die anschließende Vernarbung soll den Fliegenbefall verhindern. Widerliche Tierquälerei... daher also KEINE australische Merinowolle!


Beim Verzieren der Hütchen kann ich mich schließlich wieder austoben... Hier ein paar Impressionen:


mit Hutnetz und Kanzashi aus Seide

puristisch mit Kanzashi aus Seide


mit Tupfentüll und Samtschleife

mit aufwendig gestalteter Orchidee aus Seide

in petrol mit Hutnetz und Blüte

mit Pfauenfeder und Samtschleife

puritisch mit Samtschleife

mit Schleife aus Seide in Schottenkaro

mit aufwendiger Kanzashi-Zier


Alle Hütchen sind Unikate. Weitere folgen bald!

24. August 2012

Mommie Dearest...

Gut, ich sage es besser gleich vorneweg: Ich mag Joan Crawford nicht. Ich mochte sie noch nie. Deswegen hat es mich nicht verwundert, dass ihre Adoptivtochter Christina nach ihrem Tod schwere Vorwürfe gegen ihre "Mommie Dearest" erhoben hat. Mich wundert auch nicht, dass ich die Existenz dieses Berichtes erst jetzt entdeckt habe, denn Joan Crawford hat mich nie besonders interessiert. Der einzige Film, den ich mit ihr mag, ist "Whatever happened to Baby Jane?", und dieser ist für mich vor allem ein Bette Davis-Film. Und über Bette Davis bin ich irgendwie zu "Mommie, dearest" gekommen.

Christina und Joan Crawford


"Mommie Dearest" ist die kommerziell sehr erfolgreiche Autobiographie von Joan Crawfords ältester Adoptivtochter Christina, die in ihrem Buch ausführlich von den seelischen und körperlichen Mißhandlungen durch ihre Mutter Joan erzählt. Insbesondere seelische Grausamkeiten waren im Leben der vier Adoptivkinder offenbar an der Tagesordnung, und später gingen einige sogar so weit, anhand dieser Memoiren an Joan Crawford posthum eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren. Christina wird von klein auf mit sehr kruden Mitteln auf Disziplin und Erfolg getrimmt. Publicity ist alles, natürlich Joans Publicity. Christina wird von morgens bis abends kritisiert, gedemütigt, getriezt. Trotz offensichtlichem Ekel will ihre Mutter sie zwingen, ein rohes Steak zu essen. Joans Alkoholismus und ihre beständig wechselnden Affären verstören die Kinder zutiefst. Und besonders spektakulär ist die "wire hanger scene": Mitten in der Nacht kontrolliert Joan das Zimmer ihrer Kinder (im Film übrigens von vier auf zwei reduziert), und entdeckt, dass in Christinas riesigem Kleiderschrank ein Kleidchen auf einem Draht-Kleiderbügel hängt. Joan bekommt einen hysterischen Wutanfall, verwüstet das Zimmer der völlig verängstigten Kinder, drischt schließlich mit dem Kleiderbügel auf Christina ein. Anschließend schleppt sie das Kind ins angrenzende Badezimmer, wirft Christina vor, sie habe es nicht genügend geputzt (obgleich alles blitzt), verstreut Scheuerpulver, schlägt noch einmal mit der Putzmitteldose auf Christina ein und verläßt endlich angewidert das Zimmer der Kinder, nicht ohne Christina aufzutragen: "Now clean this mess up!"

No wire hangers!


Aber auch als Christina älter wird, hören die Schikanen nicht etwa auf. Wegen einer harmlosen Knutscherei mit einem Jungen in ihrem Internat wird Christina zur Strafe von ihrer Mutter in eine überaus strenge Klosterschule gesteckt und dort von der Außenwelt komplett abgeschnitten. Als sich Christina einmal gegen die ständigen Vorwürfe zur Wehr setzen will, rastet Joan komplett aus und würgt ihre Tochter beinahe zu Tode. Aber nicht einmal nach Joans Tod in den 70er Jahren kehrt Frieden ein: Als Abschiedsgruß hat sie ihre Adoptivkinder allesamt enterbt.

Immer perfekt für die Öffentlichkeit: Faye Dunaway als Joan und Mara Hobel als Christina


Ich habe das Buch erst angefangen, wenngleich es in meinem Stapel als nächstes zu lesender Bücher ganz oben liegt. Aber ich habe mir gestern die Verfilmung aus dem Jahr 1981 angesehen, und meine Gefühle sind äußerst gemischt...

Das Kind mag kein rohes Steak


Faye Dunaway spielt Joan Crawford, und das mit so vollem Einsatz, dass sogar ihr "Filmkind" echte Angst vor ihr gehabt haben soll. "Variety" schrieb: "Dunaway does not chew scenery. Dunaway starts neatly at each corner of the set in every scene and swallows it whole, costars and all."
Die Ähnlichkeit zur älteren Joan ist bisweilen auch verblüffend, da haben die Maskenbildner beste Arbeit geleistet. Der Film selbst hinterläßt aber einen äußerst fahlen Geschmack.

Faye Dunaway als Joan


Es liegt eigentlich nicht an Faye Dunaway, ihr Schauspiel finde ich meistens hervorragend, stets am Rande der Hysterie und bisweilen bis ins Groteske überzogen. Sie beherrscht jede Szene - und so, stelle ich mir vor, war Joan Crawford tatsächlich. Laut, überheblich, arrogant und bis in die Haarspitzen von sich überzeugt, dabei krankhaft perfektionistisch und von einer gestörten Disziplin besessen.

Diana Scarwid als Christina


Aber Christina?! Schon Mara Hobel, die das Kind Christina spielt, ging mir permanent auf die Nerven. Ihr Spiel wirkt künstlich und bisweilen viel zu erwachsen für ein Kind in diesem Alter. Dass sie meistens auch noch völlig fürchterlich zurecht gemacht ist, dafür kann sie wohl wenig, macht es aber zusätzlich schwierig, diesen Charakter zu "mögen". Diana Scarwid als heranwachsende Christina ist leider auch nicht besser. Farblos, stimmlos und mit nur einem Gesichtsausdruck ausgestattet, hinterlässt sie ein Bild von Christina Crawford, das fern von schmeichelhaft ist. Kein Wunder, dass die "echte" Christina den Film gehasst hat...

Diana Scarwid


An Christina Crawfords Glaubwürdigkeit ist immer wieder gezweifelt worden. Besonders Myrna Loy, die seit 1925 mit Joan Crawford eng befreundet war, sagte, sie habe nie mitbekommen, dass Joan Crawford ihre Kinder jemals mißhandelt habe, weder seelisch noch körperlich, während andere zugeben, dass sie öfter Zeuge von Mißhandlungen der Kinder wurden. Die Frage ist, wem man glaubt, ich neige aber doch sehr dazu, Christina zu glauben, trotz der guten "Erinnerungen" von Myrna Loy an ihre Freundin. Denn: Nicht jeder empfindet eine grausame Behandlung eines Kindes tatsächlich als Mißbrauch. Insbesondere zu früheren Zeiten war die Ansicht noch sehr viel weiter verbreitet als heute, dass Kinder streng und mit harter Hand und viel Disziplin erzogen gehören - inklusive körperlicher Züchtigung. Es würde mich also keinesfalls wundern, wenn viele Menschen den Umgang von Joan Crawford mit ihren Kindern nicht als Mißbrauch empfinden würden, da sie ähnliche "Erziehungsideale" haben.


Auch wurde Christina vorgeworfen, dass sie ihr Buch erst nach Joan Crawfords Tod veröffentlicht habe, damit sich die Filmdiva nicht mehr gegen die Vorwürfe wehren könne. Auch das finde ich kein Argument gegen Christinas Glaubwürdigkeit. Kinder und Adotivkinder befinden sich in einer Abhängigkeit von ihren Eltern, selbst oder auch gerade wenn diese sie mißhandeln, und ich kann mir gut vorstellen, dass Christina erst nach dem Tod ihrer dominanten Adoptivmutter überhaupt den Mut hatte, die Wahrheit zu erzählen. Ein Motiv für das Buch mag die Verärgerung darüber gewesen sein, dass Joan ihre Kinder enterbt hat, zumindest wird das am Ende des Films angedeutet. Aber das bedeutet nicht, dass alle Vorwürfe erfunden sind.

Dennoch ist "Mommie Dearest" natürlich aus Christinas Sicht erzählt und von ihrem Erleben geprägt - das darf es aber auch sein. Ich bin gespannt auf das Buch und den "O-Ton" Christinas, denn auch wenn der Film mit über 2 Stunden das Leben des Hollywoodstars durchaus ausfächert, reicht es dennoch nicht, die komplexe Thematik zufriedenstellend zu erzählen - und der Film scheint an manchen Stellen zu sehr gerafft.



Verwunderlich finde ich auch nicht, dass "Mommie Dearest" schnell zu einer "Komödie wider Willen" wurde, und bei manchen Aufführungen sollen die Besucher sogar mit Ajax und Drahtkleiderbügeln bewaffnet erschienen sein, um dem Film "interaktiv" zu erleben - ähnlich wie bei der legendären "Rocky Horror Picture Show". Wirklich gelungen finde ich den Film jedenfalls nicht. Kann man sich anschauen, muss man aber nicht. Dann doch lieber "Whatever happened to Baby Jane?" Und wie sagte da Bette Davis? "The best time I ever had with Joan Crawford was when I pushed her down the stairs in Whatever happened to Baby Jane..."

Bette Davis und Joan Crawford

Kennt jemand Film und/oder Buch? Wie ist eure Meiung dazu?

Herzlichst,
Klara

16. August 2012

Couscous-Salat auf griechische Art

Ein spontan erfundenes Rezept, so lecker, dass ich es gerne teile... Marokko trifft Griechenland!

Griechischer Salat ist einer meiner Lieblingssalate. Knackige Paprika, frische Gurken, sonnengereifte Tomaten, Zwiebeln, leckere Oliven und Feta-Käse... yummy! Und ich liebe Couscous... Was liegt also näher, als beides zu kombinieren?


Zutaten:
ca. 250 g Couscous
1 Salatgurke
1 gelbe oder orange Paprika
2-3 Strauchtomaten
1 Zwiebel
1-2 Knoblauchzehen
einige Oliven
Salz
Pfeffer
mediterrane Kräuter (frisch und/oder getrocknet)
Olivenöl
1 Zitrone
etwas milder Essig (z.B. weißer Balsamico oder Obstessig)

Couscous nach Packungsanweisung zubereiten und abkühlen lassen.
Salatgurke schälen und in kleine Würfel schneiden. Paprika putzen und in kleine Würfel schneiden, Tomaten vom Stielansatz befreien und würfeln. Zwiebel schälen und in dünne Halbringe schneiden. Knoblauch sehr fein hacken. Oliven evtl. halbieren. Feta in Würfel schneiden. Die Zitrone auspressen.

Couscous und Gemüse in einer großen Schüssel vermischen. Zitronensaft und 3-4 EL Olivenöl zugeben und untermischen. Wenn der Salat noch zu "trocken" ist, etwas mehr Zitronensaft oder Öl zugeben. Nach Wunsch mit etwas mildem Essig abschmecken. Salzen, pfeffern, die getrockneten Kräuter (oder die gehackten frischen Kräuter) untermischen. Und genießen!

Am besten schmeckts mit den guten Oliven vom Griechen oder Türken, Oliven aus dem Glas sind ein weniger guter Ersatz. Grün oder schwarz? Was Dir besser schmeckt... oder auch einfach beides!

Zum Würzen habe ich noch eine original griechische Kräutermischung für griechischen Salat vom letzten Naxos-Aufenthalt, aber auch eine mediterrane Kräutermischung wird gehen. Besonders lecker wirds natürlich mit frischen Kräutern, meine haben gerade allerdings Schonfrist wegen akutem Blattlausbefall (wie wird man die Mistviecher wieder los?). Und bitte unbedingt echten Feta aus Schafsmilch (oder Schaf- und Ziegenmilch) verwenden! Denn dieser Pseudofeta aus Kuhmilch ist einfach nur fad...

Guten Appetit!

Herzlichst,
Klara

14. August 2012

Every little step...

Ach, irgendwie mag ich Tanzfilme. Schon seit ich klein bin. Und ich habe immer viel getanzt, am liebsten, wenn ich allein war, unbeobachtet. Auch "A Chorus Line" habe ich zuerst als Kind gesehen, da war ich vielleicht 10 Jahre alt.



Die Geschichte der vielen Tänzer, die für eine Rolle vortanzen, die gnadenlos aussortiert werden, ging mir irgendwie sehr nahe. Ich fand es unfair, dass die arrogante Sheila bleiben durfte, während andere abgewiesen wurden. Und als sie am Ende doch noch gehen muss, da war ich ein bißchen schadenfroh.
Als Maggie "aussortiert" wurde, war ich dafür traurig, denn sie mochte ich irgendwie. Immerhin bekam "Bebe" den Job...





Trotzdem: Als Kind empfand ich es unglaublich hart und gemein, als einer nach dem anderen abgelehnt wurde. Ich bewunderte die Tänzer, sie waren doch alle so gut! Und dann die letzte Auswahl! Verdammt, ich fand es so gemein, die Tänzer vortreten zu lassen, genau zu wissen, dass sie denken, sie haben die Rolle - und dann einfach zu sagen: "Vordere Reihe danke, ihr könnt gehen!"


 
Eines ist mir aber ganz besonders aufgefallen, als ich den Film vor wenigen Tagen noch einmal gesehen habe.

In der Schlußszene tanzen zuerst die 8 "Auserwählten". Dann sind plötzlich die anderen aus der letzten Runde wieder da! Und ich dachte damals ganz naiv und unschuldig: Hurra, sie dürfen doch mittanzen, sie sind doch nicht ausgeschieden! Dann kamen immer mehr und mehr und ich stellte mir vor, sie alle bekommen jetzt doch einen Job, Zach ist gar nicht so gemein, wie er mir vorkam und alles kommt zu einem guten Ende...



Und jetzt? Jetzt weiß ich natürlich, dass dem nicht so ist. Ausgeschieden ist ausgeschieden ist ohne Job, ganz egal, was das für denjenigen Tänzer bedeuten mag. Acht stehen auf der Bühne - hunderte stehen auf der Strasse. Aber mich hat das nichtmal mehr traurig gemacht, nur unbeteiligt. Denn, so habe ich irgendwann auf dem Weg vom Kindsein zum Erwachsenwerden gelernt: So ist es nunmal auf der Welt. Es gibt kein Happy End für jeden von uns und das Leben ist ein endloser Wettbewerb. Wenn Du nicht gut genug bist, fliegst Du eben raus. Du musst mit Druck leben, mit Neid, und mit Gemeinheiten.

Nicht mehr die Tatsache vom Ausscheiden einiger Tänzer ist mehr traurig. Sondern diese Erkenntnis. Das Ende der Illusion.






13. August 2012

Anna und ich...


Eine Heldin meiner Kindheit ist tot. Silvia Seidel hat sich im Alter von nur 42 Jahren vor wenigen Tagen, am 06. August 2012, das Leben genommen. 



Diese Nachricht macht mich unerwartet traurig. Still war es geworden um die Schauspielerin, die als junges Mädchen so viele Menschen begeistert hat. Sie spielte Nebenrollen in verschiedenen TV-Serien, aber vor allem war das Boulevardtheater ihre Heimat. Ich habe immer mal wieder geschaut, was Silvia Seidel so macht. Im letzten Artikel, den ich gelesen hatte, das dürfte schon mehr als ein Jahr her sein, klagte die Schauspielerin über Geldsorgen und wenige Engagements – ein Schicksal, das sie mit dem Großteil der Schauspielkollegen teilen dürfte. Denn Rollen sind rar, überall wird gespart – und statt teurer Spezialeffekte verzichtet man lieber auf Schauspielergagen. Einige berichten, Angebote sehen für einen freien Mimen bisweilen so aus: „Ich würd mich freuen, wenn Du in meinem Film mitspielst. Zahlen können wir nicht viel (oder gar nichts), die Spesen können wir leider nicht übernehmen, aber du hast ja dann immerhin die Referenz, nicht wahr?“ Dass auch Freiberufler und Selbständige Rechnungen zahlen müssen, scheint nicht zu interessieren. 



Trotzdem macht die Regenbogen- und Boulevardpresse aus Silvia Seidels Problemen und Geldsorgen eine große Affaire. Gescheitert soll sie sein, abgestürzt, ihre Miete kann sie nicht mehr zahlen. Dabei war sie doch mal so talentiert und so beliebt… Gewiß, an den Ellbogen soll es ihr gemangelt haben, wissen Kollegen zu erzählen, und die braucht man heute überall. Traurig finde ich das. Catherine Deneuve hat in „Begierde“ („The Hunger“, 1983) gesagt: „Mit Freundlichkeit erreicht man mehr.“ Heute gilt das nirgendwo mehr. 



Als sich Silvia Seidels Mutter vor 20 Jahren das Leben genommen hat, hatte die Boulevardpresse gleich eine schöne Rolle für die junge Frau parat: Die Tochter sonnt sich im Erfolg und im Scheinwerferlicht, und ihre arme Mutter sitzt zuhaus und ist verzweifelt, so verzweifelt, dass sie sich schließlich umbringt. Wegen der bösen Tochter. Gewiß, ich war nicht dabei, aber ich bin sicher: Nichts davon ist wahr. Auch Silvia Seidel hat das immer wieder gesagt, zugehört hat ihr keiner. Da liest man lieber Bild-Zeitung und fühlt sich total informiert und – gebildet. 



Aber auch wenn Silvia Seidel ihre einstige Paraderolle später gehasst hat: Als Ballettschülerin „Anna“ werde ich sie besonders in Erinnerung behalten. Weil sie damals eine Heldin für mich war. Dabei hatte ich die Weihnachtsserie zuerst gar nicht verfolgt, hatte erst durch den Hype, der damals entstand, von „Anna“ erfahren. Ich sah die Serie in einer Wiederholung, ich verschlang die Bücher und war verzaubert von der Geschichte um das junge Mädchen, das nach einem schweren Unfall gelähmt war, sich aufgab – und durch den jungen querschnittgelähmten Rainer ihren Lebensmut wieder findet. 

Silvia Seidel mit Patrick Bach als Rainer in "Anna"

 Sie lernt wieder gehen – und tanzen. Auf einer Schule, die besonders künstlerische Talente der Schüler fördern soll, erkämpft sie sich einen Platz in der Ballettklasse, die der Tanzstudent Jakob leitet. Sie brilliert in der Schulaufführung des Balletts „Aschenputtel“ und macht Jakobs Lehrerin auf sich aufmerksam. 

Anna als Cinderella

Und sie schafft es, schafft die Aufnahmeprüfung in die Ballettklasse der ehemals weltberühmten Prima Ballerina Irina Kralowa. Das Training ist hart, aber Anna beißt sich durch. Sie ist kess und hat manchmal auch eine große Klappe – was ich als wirklich sehr schüchternes kleines Mädchen bewundere. Hätte ich nur auch solchen Biss. Dann hätte ich mich vielleicht auch bei meinen Eltern durchsetzen können. Denn natürlich wollte ich nach „Annas“ Vorbild auch tanzen lernen, Ballettstunden. Das vernichtende Urteil meines Vaters: „Aber fürs Ballett muss man doch dünn sein, das kannst Du nicht.“ Es tut sehr weh, wenn man als Kind gesagt bekommt „Du bist zu fett fürs Ballett“… Aber „Anna“ hat mir trotzdem ein bißchen Mut gemacht. 

Anna und die strenge Tanzlehrerin Irina Kralowa

Anna und ihre Lehrerinnen Irina Kralowa und Valentine D'Arbanville in Paris
 
Dann kam auch noch Dirty Dancing und Tanz bekam noch ein Gesicht. Und ich übte zuhause weiter, mit einer Kassette meiner Mama, mit einer alten Aufnahme von „Schwanensee“. In der Serie brilliert „Anna“ am Ende als einer der vier kleinen Schwäne. Ihre todkranke Lehrerin verfolgt hinter der Bühne den Auftritt ihrer geliebten Schülerin – und stirbt, still, leise.
In der kleinen Stadtbücherei lieh ich mir mehrere Male ein Ballettbuch für Kinder aus, übte die Grundpositionen, hüpfte, versuchte Spagat, die Geländerstange im Flur war meine Ballettstange. Ich „tanzte“ Mambo und träumte von Patrick Swayze. Auch er ist schon gestorben, an Krebs. So gehen die Helden der Kindheit. 

"Anna" in ihrem eigenen Kinofilm


Silvia Seidel soll zuletzt Alkoholprobleme gehabt haben, die Wirtin ihrer Stammkneipe war ihre einzige Vertraute. Sie war es auch, die Silvia als vermisst gemeldet hatte, nachdem sie mehrere Tage nicht erschienen war. Und weitere Details aus ihrem Leben werden breitgetreten, über den dominanten Vater, der die Gagen der Tochter verprasste und sie unter seiner Fuchtel hielt. Über die vorangegangenen Selbstmordversuche von Silvia Seidel seit Herbst letzten Jahres. Darüber, dass sie an Weihnachten einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat. Ihr Partner hatte sie verlassen, angeblich, weil er mit ihren Depressionen nicht umgehen konnte. Bitter, irgendwie.
Doch ist das ein „Absturz“, wie die „Freizeit Revue“ angeblich schrieb? Ich finde, nein. Silvia Seidel hat sich behauptet, hat geschauspielert, konnte sich ihre Rollen am Theater oft sogar aussuchen. Und die psychischen Probleme? Noch immer wird das gern von der Regenbogenpresse ausgeschlachtet. Aber wieso verstehen noch immer viele Menschen nicht: Wenn man sich ein Bein bricht, kommt man ins Krankenhaus. Wenn die Seele krank ist, eben in eine psychiatrische Klinik. Hätte ich die Wahl zwischen einem Oberschenkelhalsbruch und Depressionen, ich würde den Bruch nehmen, an beiden Beinen. 



Zuletzt war für Silvia keiner da. Keiner der Kollegen, weder von früher noch von heute. Jeder klagt heute darüber, was für ein lieber Mensch Silvia doch war, wie beliebt und begabt. Und sie war doch immer so fröhlich gewesen. Ja, besonders depressive Menschen wirken auf ihr Umfeld oft sehr fröhlich und ausgelassen. Ich weiß das. Trotzdem gibt es Anzeichen, die nahestehende Menschen sehen und erkennen können. 

Mich hat der einsame Tod von Silvia Seidel sehr traurig gemacht. Und mir so manche Kindheitsillusion geraubt. Trotzdem erinnere ich mich noch immer gerne an Silvia und Anna zurück. Ich habe mir vor einiger Zeit sogar wieder die Bücher besorgt, die ich als Kind so geliebt habe. Und ich schaue mir „Anna“ immer mal wieder an, weil ich so schöne Erinnerungen damit verbinde. Mit Kindsein, mit Mut, mit Begeisterung. Silvia Seidel hatte all das nicht mehr. Ich hätte ihr gerne etwas abgegeben von dem bißchen, das ich noch habe. 

  


Herzlichst,
Klara


Bei "Beckmann" 2004 spricht Silvia Seidel offen über ihre Rolle, über ihr Leben nach "Anna" und die Schattenseiten des Erfolgs.