17. Februar 2011

Film Noir

Anläßlich der Berlinale gibt es auf DaWanda aktuell wieder thematische Zusammenstellungen diverser Artikel. Aber meine anfängliche Freude, dass sogar der "Film Noir" eine eigene "Produktstrecke" erhielt ist leider ganz schnell der Ernüchterung gewichen. Nein, liebe DaWanda-Mitarbeiter, "Film Noir" ist NICHT gleich Schwarz/Weiß-Film und hat auch nichts mit "Nouvelle Vague" zu tun...

Daher nehme ich dies als Anlaß, ein klein wenig über eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen zu plaudern: Den "Film Noir"...




Es gibt viele unterschiedliche Meinungen über den "Film Noir". Ist es nun ein Genre oder lediglich eine genauere Klassifizierung? Geprägt wurde der Begriff, zu deutsch "Schwarzer Film", von dem französischen Filmkritiker Nino Frank, der damit eine "neue Art des amerikanischen Films" beschrieb, die erst nach Kriegsende den Weg nach Europa gefunden hatten, darunter war "Laura" (1944) von Otto Preminger mit Gene Tierney in der Titelrolle, "Frau ohne Gewissen" ("Double Indemnity, 1944) von Billy Wilder und "Die Spur des Falken" ("The Maltese Falcon", 1941) von John Huston mit Humphrey Bogart als Detektiv Sam Spade. "The Maltese Falcon" wird gar von den meisten als Beginn der Ära des "Film Noir" genannt, die 1958 mit "Im Zeichen des Bösen" ("Touch of Evil") von Orson Welles endet.

So ist der "Film Noir" eine Erscheinung des amerikanischen Films der 1940er und 1950er Jahre, auch wenn es zahlreiche spätere Filme, auch aus Europa, insbesondere Frankreich, gibt, die folglich dem Genre des "Neo-Noir" zugerechnet werden. David Lynch wäre hier als einer der bekanntesten Regisseure zu nennen, aber etwa auch Roman Polanskis "Chinatown" (1974).

Laura, 1944
Es wird viel gestritten, welcher Film nun ein "echter Film Noir" ist und welcher nicht. Doch gibt es einige Merkmale, die allen mehr oder weniger gemein sind.
So ist der "Held" des "Film Noir" vielmehr ein "Antiheld" par excellence, zerrissen, gescheitert, lasterhaft und moralisch fragwürdig. Das Thema des "Film Noir" dreht sich häufig um Kriminalfälle, Verrat, Betrug und Mord aus Eifersucht oder Habgier, häufig bildeten Kriminalromane der amerikanischen "Hardboiled"-Schule z.B. von Raymond Chandler, James M. Cain oder Dashiell Hammett die "literarischen" Vorlagen. Und so ist der "Anti-Held" denn auch häufig ein Privatdetektiv, ein Polizeibeamter oder auch eine Privatperson, die in ein Verbrechen hineingezogen wird. Typisch sind urbane Schauplätze, vor allem Los Angeles, San Francisco, Chicago oder New York, wobei der Großstadtdschungel gleichzeitig stellvertretend für die verworrene Psyche der Charaktere steht: "Film Noir" beleuchtet Abgründe der menschlichen Existenz, ist mehr eine Charakterstudie der Hauptfiguren als lediglich die Erzählung eines Kriminalfalles. Daher gab es auch vor der Klassifizierung "Film Noir" die Bezeichnungen psychological melodrama oder psychological thriller für diese Art Filme.

Während Hollywoodkino eindeutige Charaktere liebt, die entweder gut oder böse sind, lebt der "Film Noir" von der Vielschichtigkeit seiner Figuren. Aber nicht nur der männliche "Held" ist innerlich zerrissen, auch die typische Frauenfigur, die berühmte "Femme Fatale", ist schwer zu fassen: Fasziniert vom Bösen oder in seiner erpresserischen Hand mag sie einmal dem "Helden" zur Seite zu stehen um ihm im nächsten Moment in den Rücken zu fallen. In ihrer Handtasche trägt sie einen kleinen perlmuttbesetzten Revolver, und ihre geheimnisvolle Schönheit treibt so manchen ins Verderben, ehe sie ihm nachfolgt...

„Das Kennzeichen des Film noir ist sein Sinn für in einer Falle sitzende Menschen – gefangen in einem Netz von Paranoia und Angst, unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Die Bösen sind anziehend und sympathisch […]. Seine Helden und Heldinnen sind schwach, verstört. Die Umwelt ist düster und verschlossen, die Schauplätze andeutungsweise bedrückend. Am Ende wird das Böse aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig.“

(Robert Sklar in Movie-made America: A Cultural History of American Movies)

Out of the past, 1947

"Film Noir" ist düster, hoffnungslos, durch und durch pessimistisch. Seine Ästhetik ist besonders durch den Expressionismus gezeichnet, eine Strömung der Kunst im Europa der 1910er und 1920er Jahre - Kunst, die wenig später von den Nazis als "entartet" aus den Museen verbannt und für Devisen verscherbelt werden sollte, um die Maschinerie des II. Weltkrieges zu finanzieren.
Viele Regisseure aus Deutschland und Österreich flohen vor den Nazis nach Amerika - der Expressionismus floß durch sie in den "Film Noir" ein, zu den bedeutendsten zählen Fritz Lang, Billy Wilder, Otto Preminger oder Douglas Sirk.
Und auch in der Erzählweise gibt es viele Experimente, die mich auch an neue Erzähltechniken im modernen Roman (d.h. der Roman der 1910er und 1920er Jahre) erinnert: Zeitsprünge statt linearem Erzählen, Rückblenden, Vorausblicke und personale Sichtweisen kennzeichnen auch den "Film Noir".

Viele sind der Meinung, ein "Film Noir" müsse unbedingt Schwarz-Weiß sein, doch gibt es auch Farbfilme, die oft diesem Genre zugerechnet werden, wie etwa Hitchcocks "Vertigo". Gemeinsam haben alle jedoch düstere Farbgestaltungen, kräftige Hell-Dunkel-Kontraste und ungewöhnliche Perspektiven.

Über vieles wurde und wird gestritten, und bei vielen Filmen herrscht keine Einigkeit darüber, ob sie nun wirklich "Noir" sind oder nicht. Natürlich gibt es auch "Vorläufer", die die Entwicklung beeinflusst haben, darunter auch Werke des Regisseurs Josef von Sternberg wie "Shangahi Express" oder "The Devil is a woman" mit Marlene Dietrich.


Einige meiner liebsten "Noirs"?

Sunset Blvd. (Billy Wilder, mit Gloria Swanson)
The Shanghai Gesture (Josef von Sternberg, mit Gene Tierney)
Laura (Otto Preminger, mit Gene Tierney)
The Big Sleep (Howard Hawks, mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall)
In a lonely place (Nicholas Ray, mit Humphrey Bogart und Gloria Grahame)
The Postman always rings twice (Tay Garnett, mit Lana Turner)
Shadow of a doubt (Alfred Hitchcock, mit Joseph Cotten)

Und es gibt auch noch einige, die ich noch nicht gesehen habe. Aber das läßt Raum für neue Inspirationen...

Herzlichst,
Klara

Sunset Boulevard


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