24. Februar 2011

Polly Jean Harvey, Berlin, Admiralspalast, 21.02.2011

Zugegeben, ich bin etwas "spät" dran, bedenkt man, dass das "Ereignis" schon Montag Abend stattgefunden hat.

Die für mich beste Songwriterin unserer Tage betrat in Berlin die Bühne des Admiralspalastes. Natürlich (wie immer) vollständig ausverkauft. Polly Jean Harvey.

Mein erster Eindruck: Miss Harvey hat teilweise - oder sogar fast überwiegend - ein irgendwie seltsames Publikum. Die Cordhosendichte ist erschreckend hoch, und außer mir habe ich eine einzige Frau entdeckt, die Lippenstift trug, dafür viele mit ungewaschenen Haaren. Manchmal kommt es eben auch auf Äußerlichkeiten an... eine Person, die ich vorsichtig hysterisch nennen würde, gab bald auch jedesmal schrille Töne von sich, sobald ein Roadie, der aussah wie Wim Wenders, einen Becher Wasser auf die Bühne trug - und setzte das leider das ganze Konzert über fort. Und irgendwer in unserer nächsten Umgebung rülpste permanent - und hinterließ einen Geruch nach Wurst, Bier und Aschenbecher. Soviel zum Negativen.

Dafür war ich entzückt, als Miss Harvey schließlich mit einer Diva vollkommen angemessenen Verspätung die Bühne betrat, geschmückt mit einem Federhut, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Wer das Cover ihres neuen Machwerkes kennt, versteht...

Sie eröffnet mit Stücken von "Let England Shake"... und ich weiß einfach, warum und wofür ich sie liebe: Authentizität. Es mag Leute geben, die sagen, PJ Harvey könne sich alles erlauben, ihre Fans werden alles mitmachen. Das mag teilweise stimmen, teilweise hat sie schon mit "White Chalk" 2007 so einige verschreckt. Aber ich schätze an PJ Harvey gerade ihre Wandlungen. Während die meisten bis fast alle der heute existierenden Musiker, die irgendwie ernst zu nehmen waren, seit Jahren nur noch lauwarme Aufgüsse ihrer selbst produzieren, um die Masse zufriedenzustellen und die Verkäufe so gering wie möglich zu gefährden, scheint sich die Dame aus England einen feuchten Kehrricht um solche Überlegungen zu scheren, sondern wirklich IHRE Musik zu machen, ehrlich, aufrichtig und verdammt persönlich. Sich permanent entwickelnd. Und so erscheint mir "Let England Shake" schlicht die logische Folge der Zeit zu sein. Politisch, kritisch und dennoch nicht humorlos, beißend sarkastisch und zutiefst desillusioniert präsentiert uns Polly Jean Harvey 12 schlichte und gerade dadurch so wirkungsvolle Songs über Krieg und Tod...

I've seen and done things I want to forget;
I've seen soldiers fall like lumps of meat,
Blown and shot out beyond belief.
Arms and legs were in the trees.

I've seen and done things I want to forget;
coming from an unearthly place,
Longing to see a woman's face,
Instead of the words that gather pace,
The words that maketh murder.





Wie ihre ganze eigene Art "Protestsong" wirken diese Lieder auf mich (teilweise mit grandiosen Samples...), aber ohne den uralten langen verfilzten Bart, ohne die Assoziationen an Batikkleider und Klampfe am Lagerfeuer. Aber die einzig logische Konsequenz unserer Tage, Tage von "Terror(ismus)krieg" und erlogenen Begründungen. Kann man die Welt noch anders besingen? Nein. Und das traurigste von allen ist "England"... desillusioniert, enttäuscht, tieftraurig.

I live and die through England
Through England
It leaves a sadness
Remedies never were within my reach
I cannot go on as I am
Withered vine reaching from the country
That I love
England
You leave a taste
A bitter one

 Die Menge taut erst richtig auf, als "endlich" ältere Töne erklingen, Jubel, ja, das kennen wir, endlich ein bekannter Text, zwei ganz alternative Mädels schräg vor mir schalten sich frei und fangen an, zu hoppeln. Und mich durchdringt das tiefe Gefühl, dass auch die ausgewählten älteren Stücke nicht zufällig oder willkürlich ausgewählt wurden, sondern gemeinsam mit den neuen Stücken eine Art Programm bilden, Lieder über Schmerz und Verlust. Ich genieße es, Schlagzeuger Jean-Marc Butty zuzusehen, der eine ganze eigene Art hat, sich zu bewegen, er hat nichts von den sonst so häufigen hyperaktiven wilden Trommlern, sondern wirkt kraftvoll und gelassen gleichzeitig. Und ich bemerke erst, wie schön die Stimme von Mick Harvey klingt...

Der Jubel bei den älteren Stücken aus PJs reichem Repertoire ist, wie erwartet, größer. Eben wie immer. Was man schon kennt, bejubelt man scheinbar leichter...

Für mich bleibt Miss Harvey eine der letzten echten Musikerinnen. Nie still stehend, immer entwickelnd. The last living rose.

Thank you so much, Polly Jean Harvey, for sharing your wonderful music with me...

Herzlichst,
Klara


How is our glorious country ploughed?
Not by iron ploughs
Our lands is ploughed by tanks and feet,
Feet
Marching

Oh, America
Oh, England
How is our glorious country sown?
Not with wheat and corn.
How is our glorious land bestowed?
What is the glorious fruit of our land?
Its fruit is deformed children.
What is the glorious fruit of our land?
Its fruit is orphaned children.

17. Februar 2011

Film Noir

Anläßlich der Berlinale gibt es auf DaWanda aktuell wieder thematische Zusammenstellungen diverser Artikel. Aber meine anfängliche Freude, dass sogar der "Film Noir" eine eigene "Produktstrecke" erhielt ist leider ganz schnell der Ernüchterung gewichen. Nein, liebe DaWanda-Mitarbeiter, "Film Noir" ist NICHT gleich Schwarz/Weiß-Film und hat auch nichts mit "Nouvelle Vague" zu tun...

Daher nehme ich dies als Anlaß, ein klein wenig über eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen zu plaudern: Den "Film Noir"...




Es gibt viele unterschiedliche Meinungen über den "Film Noir". Ist es nun ein Genre oder lediglich eine genauere Klassifizierung? Geprägt wurde der Begriff, zu deutsch "Schwarzer Film", von dem französischen Filmkritiker Nino Frank, der damit eine "neue Art des amerikanischen Films" beschrieb, die erst nach Kriegsende den Weg nach Europa gefunden hatten, darunter war "Laura" (1944) von Otto Preminger mit Gene Tierney in der Titelrolle, "Frau ohne Gewissen" ("Double Indemnity, 1944) von Billy Wilder und "Die Spur des Falken" ("The Maltese Falcon", 1941) von John Huston mit Humphrey Bogart als Detektiv Sam Spade. "The Maltese Falcon" wird gar von den meisten als Beginn der Ära des "Film Noir" genannt, die 1958 mit "Im Zeichen des Bösen" ("Touch of Evil") von Orson Welles endet.

So ist der "Film Noir" eine Erscheinung des amerikanischen Films der 1940er und 1950er Jahre, auch wenn es zahlreiche spätere Filme, auch aus Europa, insbesondere Frankreich, gibt, die folglich dem Genre des "Neo-Noir" zugerechnet werden. David Lynch wäre hier als einer der bekanntesten Regisseure zu nennen, aber etwa auch Roman Polanskis "Chinatown" (1974).

Laura, 1944
Es wird viel gestritten, welcher Film nun ein "echter Film Noir" ist und welcher nicht. Doch gibt es einige Merkmale, die allen mehr oder weniger gemein sind.
So ist der "Held" des "Film Noir" vielmehr ein "Antiheld" par excellence, zerrissen, gescheitert, lasterhaft und moralisch fragwürdig. Das Thema des "Film Noir" dreht sich häufig um Kriminalfälle, Verrat, Betrug und Mord aus Eifersucht oder Habgier, häufig bildeten Kriminalromane der amerikanischen "Hardboiled"-Schule z.B. von Raymond Chandler, James M. Cain oder Dashiell Hammett die "literarischen" Vorlagen. Und so ist der "Anti-Held" denn auch häufig ein Privatdetektiv, ein Polizeibeamter oder auch eine Privatperson, die in ein Verbrechen hineingezogen wird. Typisch sind urbane Schauplätze, vor allem Los Angeles, San Francisco, Chicago oder New York, wobei der Großstadtdschungel gleichzeitig stellvertretend für die verworrene Psyche der Charaktere steht: "Film Noir" beleuchtet Abgründe der menschlichen Existenz, ist mehr eine Charakterstudie der Hauptfiguren als lediglich die Erzählung eines Kriminalfalles. Daher gab es auch vor der Klassifizierung "Film Noir" die Bezeichnungen psychological melodrama oder psychological thriller für diese Art Filme.

Während Hollywoodkino eindeutige Charaktere liebt, die entweder gut oder böse sind, lebt der "Film Noir" von der Vielschichtigkeit seiner Figuren. Aber nicht nur der männliche "Held" ist innerlich zerrissen, auch die typische Frauenfigur, die berühmte "Femme Fatale", ist schwer zu fassen: Fasziniert vom Bösen oder in seiner erpresserischen Hand mag sie einmal dem "Helden" zur Seite zu stehen um ihm im nächsten Moment in den Rücken zu fallen. In ihrer Handtasche trägt sie einen kleinen perlmuttbesetzten Revolver, und ihre geheimnisvolle Schönheit treibt so manchen ins Verderben, ehe sie ihm nachfolgt...

„Das Kennzeichen des Film noir ist sein Sinn für in einer Falle sitzende Menschen – gefangen in einem Netz von Paranoia und Angst, unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Die Bösen sind anziehend und sympathisch […]. Seine Helden und Heldinnen sind schwach, verstört. Die Umwelt ist düster und verschlossen, die Schauplätze andeutungsweise bedrückend. Am Ende wird das Böse aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig.“

(Robert Sklar in Movie-made America: A Cultural History of American Movies)

Out of the past, 1947

"Film Noir" ist düster, hoffnungslos, durch und durch pessimistisch. Seine Ästhetik ist besonders durch den Expressionismus gezeichnet, eine Strömung der Kunst im Europa der 1910er und 1920er Jahre - Kunst, die wenig später von den Nazis als "entartet" aus den Museen verbannt und für Devisen verscherbelt werden sollte, um die Maschinerie des II. Weltkrieges zu finanzieren.
Viele Regisseure aus Deutschland und Österreich flohen vor den Nazis nach Amerika - der Expressionismus floß durch sie in den "Film Noir" ein, zu den bedeutendsten zählen Fritz Lang, Billy Wilder, Otto Preminger oder Douglas Sirk.
Und auch in der Erzählweise gibt es viele Experimente, die mich auch an neue Erzähltechniken im modernen Roman (d.h. der Roman der 1910er und 1920er Jahre) erinnert: Zeitsprünge statt linearem Erzählen, Rückblenden, Vorausblicke und personale Sichtweisen kennzeichnen auch den "Film Noir".

Viele sind der Meinung, ein "Film Noir" müsse unbedingt Schwarz-Weiß sein, doch gibt es auch Farbfilme, die oft diesem Genre zugerechnet werden, wie etwa Hitchcocks "Vertigo". Gemeinsam haben alle jedoch düstere Farbgestaltungen, kräftige Hell-Dunkel-Kontraste und ungewöhnliche Perspektiven.

Über vieles wurde und wird gestritten, und bei vielen Filmen herrscht keine Einigkeit darüber, ob sie nun wirklich "Noir" sind oder nicht. Natürlich gibt es auch "Vorläufer", die die Entwicklung beeinflusst haben, darunter auch Werke des Regisseurs Josef von Sternberg wie "Shangahi Express" oder "The Devil is a woman" mit Marlene Dietrich.


Einige meiner liebsten "Noirs"?

Sunset Blvd. (Billy Wilder, mit Gloria Swanson)
The Shanghai Gesture (Josef von Sternberg, mit Gene Tierney)
Laura (Otto Preminger, mit Gene Tierney)
The Big Sleep (Howard Hawks, mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall)
In a lonely place (Nicholas Ray, mit Humphrey Bogart und Gloria Grahame)
The Postman always rings twice (Tay Garnett, mit Lana Turner)
Shadow of a doubt (Alfred Hitchcock, mit Joseph Cotten)

Und es gibt auch noch einige, die ich noch nicht gesehen habe. Aber das läßt Raum für neue Inspirationen...

Herzlichst,
Klara

Sunset Boulevard


11. Februar 2011

Wer ist Klara Kleingeld?


Diese Dame wurde von mir im November 2009 ins Leben gerufen. Zu dem Namen kam ich äußerst zufällig, aber sofort als er auftauchte wusste ich: Dieser ist es. Und nun ist aus dem Namen Klara Kleingeld mein Alter Ego geworden, entstanden aus dem Bedürfnis, endlich wieder schöpferisch tätig zu sein.


Zu der Zeit war ich bereits seit Monaten, wenn nicht Jahren, zutiefst unglücklich mit meinem gewählten Weg: Ein Universitätsstudium der Germanistik und Kunstgeschichte. Dieses Unglück manifestierte sich schnell in einer schweren Depression, die es mir fast unmöglich gemacht hat, tatsächlich zu "studieren". Und so habe ich in diesem gelähmten Zustand wieder begonnen, mit meinen Händen zu arbeiten. Ich habe handwerken gelernt und für meine Wohnung Regale über Regale gebaut, Teppich verlegt, tapeziert, gestrichen und dekoriert. Und ich habe das Häkeln neu entdeckt.


Dabei habe ich den "Textiles Werken"-Unterricht in der Grundschule zutiefst verabscheut - wohl vor allem wegen unserer Lehrerin, ein echter Drachen... und ich hatte vor allem bei Häkeln zuerst an Häkeldeckchen gedacht, die ich zwar wunderschön finde, aber mehr auch nicht. Da war es wie eine Offenbarung, zu entdecken, dass Häkeln so viel mehr kann.
In den folgenden Monaten entstanden unzählige Stücke, Capes, Handschuhe, Oberteile, sogar ein Rock. Und ganz schnell wurden die ersten schiefen Versuche gegen aufwendige und anspruchsvolle Stücke getauscht.


Und wahrscheinlich hat diese Beschäftigung sogar auf ihre Art mein Leben gerettet...


Aus dem Häkeln mit Perlen wurden später dann Arbeiten nur aus Perlen, und ich habe mir, auch autodidaktisch, einiges über Schmuckherstellung beigebracht - und lerne stets weiter und dazu.


Und die logische Konsequenz?! Ich habe mein gehasstes Studium schließlich im 13. Semester an den Nagel oder besser: An die Nadeln gehängt, um mich ganz Klara Kleingeld zu widmen.


Und jetzt, im Frühjahr 2011 kommt der mutigste Schritt, nämlich der "ganz offizielle" in die Selbständigkeit. Klara Kleineld wird ein Ein-Frau-Unternehmen. Viel Arbeit liegt vor mir. Aber ich freue mich darauf und darüber!


Und so wird sich auch in diesem Blog alles um diese Klara drehen.


Wie entwickelt sie sich?
Was macht sie?
Was stellt sie her?
Was frustriert sie?
Was heitert sie auf?
Woher nimmt sie ihre Inspiration?


Das alles gekoppelt mit Informationen über "handmade" und Handarbeit, über Woll-Lust und tausend Perlen. Und die ein oder andere Anleitung, nach der Du selbst etwas nacharbeiten kannst.


Und ich ermuntere Dich: Bring Dich ein! Mit Kommentaren, Anmerkungen, Kritik und Ermunterung. Stell Fragen über Fragen oder sei stille/r LeserIn. Zeig mir Deine eigenen Arbeiten, wenn Du welche machst. Hab Ideen.


Ich bin gespannt!


Herzliche Grüße,
Klara